Zwischen Welten Teil 1

Abschied | Grenzerfahrung | Globalisiert | Enough

Gewidmet einer Rose mit vier Dornen, die traurig unter einer Weltkarte aus rotem Filz sitzt, weil sie ihren kleinen Prinzen verabschieden musste.

Aachen Sonntag, den  06. März 2016           – Abschied-
Berlin: 21:45 Uhr
Moskau: 00:45 Uhr
Peking: 05:45 Uhr

Ich sitze in einem Zugabteil. Auf dem Platz mir gegenüber liegen mein Strohhut und mein Wollpullover. Auf dem Boden vor mir stehen mein vollgepackter Backpack und ein großer Stoffbeutel mit einem großen Fairtrade-Logo. Er ist bis an den Rand gefüllt mit Proviant. Ein schriller Pfiff. Die Türen schließen. Mit einem Ruck rollt der Zug los. „Meine Sehr verehrten Fahrgäste, ich begrüße Sie herzlich auf der Fahrt von Aachen nach Hamm (Westfalen) über …“. Bei Hamm bleiben meine Gedanken hängen. Ich ersetze das Wort und spule zurück. „ Meine sehr verehrten Fahrgäste, ich begrüße Sie herzlich auf der Fahrt von Aachen nach Nanjing (China) über Köln, Warschau, Moskau und Ulambatur.“ Jetzt ist es richtig. Kurz muss ich den Stift bei Seite legen und nachsehen, ob ich auch wirklich mein Handy-Ladekabel eingepackt habe. Da ist es. Meine Anspannung löst sich in Erleichterung.

Erst eine Stunde ist es her, da stellte ich fest, mein Lebensglück gefunden zu haben und nun sitze ich im Zug nach Nanjing. Zugegeben, dass ist eine Sache, die sich nicht ….

„Die Fahrscheine bitte!“. Mit prüfendem Blick kontrolliert der Schaffner mein Ticket: „Alles klar und gute Reise!“. Eine Sache, die sich nicht direkt erschließt, wollte ich schreiben. Das Gefühl, sein Lebensglück gefunden zu haben, ist unbeschreiblich schön, weshalb ich es auch nicht weiter versuchen werde zu beschreiben. Schmerzlich nur, dass dieser Glücksmoment dem Umstand zu verdanken ist, dass ich jetzt im Zug auf der Reise nach Nanjing sitze, während sich das Herz meiner Liebe in Schwermut verliert. Den Gedanken schiebe ich schnell wieder beiseite, denn er tut mir in der Seele weh. Ich hoffe nur sie kann bald erschöpft einschlafen, während ich mich Kilometer für Kilometer von ihr in Richtung Osten entferne. Zu spät, Sie merken es schon, die Melancholie hat mich fest im Griff. Anstatt nach vorne zu schauen, blicke ich zurück. Ein Anfängerfehler, der mir immer wieder passiert.

In meiner Rückschau fällt es mir schwer Einzelheiten zu greifen. Ein großer Strudel tut sich auf, aus dem einzelne Erlebnisse kurz hoch gespült werden. Doch noch bevor ich sie greifen kann, sind sie schon davon geströmt. So viel ist in den letzten zweieinhalb Jahren geschehen:

Rückkunft aus China, Eingewöhnen in Deutschland, Umzug nach München, Studienbeginn an der Technischen Universität als Umweltingenieur, Generationen übergreifendes Wohnen mit meiner 92 jährigen Großmutter, neue Freundschaften, Fernbeziehung nach China, freudloses Studieren, wenig Verständnis, Mathematik, Mechanik, Umzug nach Aachen, interkulturelles Wohnen, christliche Gemeinschaft, neue Universität, gleiches Fach, neue Menschen, globales Lernen, Weltladen, nachhaltiger Lebensstil, Vegetarier, Thermodynamik, Ökologie, Abende mit den Jungsozialisten, das Gefühl angekommen zu sein, Klimatologie, Umweltrecht, Hyrdromechanik, Hydrologie, Wasserwirtschaft, Baustatik, fast Heirat, Überforderung, Trennung, Herzzerbrechen, Erleichterung, Sprecher der evangelischen Studierenden Gemeinde, Abende bei der Fachschaft, spannende Vorträge, dazwischen Tage in München, Nürnberg, Brüssel, Bonn, Stuttgart, Fast-Eisenmangel, kein strenges Vegetarier sein mehr, Wasserkraft, Abfallwirtschaft, Rohstoffwesen, Geoengineering, Demonstrationen gegen Kohlekraft, neue Liebe…

Meine sehr verehrten Fahrgäste in wenigen Minuten erreichen wir Köln Hauptbahnhof. Wir bedanken uns bei allen Fahrgästen die hier aus und umsteigen und wünschen eine gute Weiterreise!“. Ich setze meinen Strohhut auf, wuchte den Backpack auf meinen Rücken. Mit der einen Hand greife ich nach dem Stoffbeutel, mit der anderen kontrolliere ich meine Hosentaschen: Geldbeutel, Fairphone, Schlüssel… Nein, kein Schlüssel. Es ist ein seltsames Gefühl ohne Schlüssel unterwegs zu sein. Das Alte hinter mich lassend, während mein Ziel noch weit entfernt ist, wird mir bewusst: Ich schwebe zwischen zwei Welten. Ein Blick auf die Fahrkarten. Gleis 2, das ist gegenüber, Wagen 180, Liege 12. Der Zug hält. Ich steige aus und gehe zielstrebig zum Wagenstandsanzeiger.

Liege 12, Wagen… Verzeihen Sie mir bitte meine leidige Schwäche, Dinge die ich gerade nachgeschaut habe, direkt wieder zu vergessen. Ein zweiter Blick auf die Fahrkarten. Wagen 180 hält im Abschnitt D bis F. Der Eurocity nach Warschau fährt ein. Die Türen öffnen sich und ich steige in den Wagen ein. „ Wait I´am control“ sagt jemand und zwängt sich an mir vorbei. „Tickets please!“ Ich reiche ihm die Fahrkarten und frage mich, welchen Eindruck ich mit meinem sommerlichen Strohhut auf dem Kopf mitten im März wohl erzeuge. Er zeigt mir eine Kabine und wie ich die Tür verschließen kann. Anstatt mir meine Fahrkarten zurück zu geben, will er sich umdrehen und gehen. „ Do I get my Tickets back?“, frage ich irritiert. Er sagt mir „No, I am control, the tickets are for me! Do you want tea or Coffee for breakfast?“. An seiner Brust ist ein polnischer Ausweis angeklippt. Ich versuche ihn vergeblich zu lesen; wohl einen Augenblick zu lange, denn der Mann wiederholt mit Nachdruck: „Tea or Coffee for Breakfast?“. Ich lehne dankend ab und beschließe, dass der Mann tatsächlich der Schaffner ist.  Ich habe das Abteil für mich alleine. Rechts neben der Tür ist eine frisch bezogene Liege herunter geklappt. Links von der Tür sind ein Kleiderschrank und daneben ein Waschbecken. Darüber ein kleines Schränkchen mit einem Spiegel, einer Flasche Wasser, ein Croissant und eine Packung mit Nüssen. Steckdosen gibt es auch. Alles sehr komfortabel. Der Zug rollt los, während ich schon im Bett liege. Am Fenster gegenüber ziehen dunkle Häuser mit beleuchteten Fenstern vorbei. Dazwischen Straßenzüge. Müde fallen mir die Augen zu. Morgen Mittag werde ich bereits in Warschau sein.

Abschied | Grenzerfahrung | Globalisiert | Enough

Terespol, Montag, den 7. März 2016   – Grenzerfahrung –  
Berlin: 16:34
Moskau: 18:34
Peking: 23:34

Im Zug von Warschau nach Moskau teile ich mir ein sehr komfortables Abteil mit einer russischen Künstlerin. Sie spricht fließend Russisch, zugegeben, dass ist nicht überraschend, aber auch fließend Deutsch. Sie heißt Irina, ist geschätzt zwischen dreißig und vierzig Jahre alt und ist sehr freundlich. Wir kommen ins Gespräch. Irgendwann kommt die Frage auf, wieso ich nicht fliege. Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen die Antwort auf diese Frage zunächst schuldig geblieben bin. Es ist nicht etwa aus Flugangst oder allein um des Abenteuers willen. Das wäre nur allzu bequem für mich, denn ich müsste mich nicht weiter erklären. Doch mit solch einfachen Antworten, kämen wir dem, was ich mit meinem Leben erreichen möchte nicht näher. Den Entschluss, nicht mehr zu fliegen…

Wir nähern uns der polnisch weißrussischen Grenze, sodass ich meine Schreibtätigkeit unterbrechen muss. Die Zugbegleiterin bittet uns auf Russisch, die Pässe parat zu halten, das Abteil aufzuräumen und die Tür offen zu lassen. Ob wir etwas zu deklarieren hätten, fragt sie. Ich schüttele den Kopf. Irina übersetzt mir alles. Außerdem werden gleich die Toiletten für längere Zeit verschlossen. Irina wird etwas nervös. Sie sagt, die weißrussischen Grenzbeamten machen oft Probleme. Manchmal weil sie einfach nur Geld sehen möchten. Irina hat etwas selbstgemachten Schmuck dabei. Ohrringe, Ringe, zwei Ketten. „Ich trage ihn lieber am Körper. Dass ist am sichersten.“, sagt sie. Mit einem Ruck hält der Zug im Grenzbahnhof Terespol. Durch die offene Abteiltür können wir hören, wie sich die Wagentür öffnet. Grenzbeamten in grünen Uniformen laufen an uns vorbei. An ihrer Hose hängt ein Lesegerät und in der Hand halten sie schwere Tabletts.  Einer kommt in unser Abteil. „Deinen Pass!“, sagt Irina. Ich reiche ihm meinen Pass. Er schlägt ihn auf: „Philipp?“, fragt er das zweite I stärker betonend, als das erste. Ich nicke. Er lächelt verschmitzt und zieht meinen Pass durch das Lesegerät. Es piepst. Bisher dachte ich, dass mein Reisepass von 2011 noch nicht elektronisch auslesbar sei. Offensichtlich habe ich mich getäuscht. Zu gern hätte ich ihn gefragt, was das Lesegerät macht und was er auf seinem Tablett sehen kann. Nur gut, dass ich kein Polnisch spreche. Vermutlich hätte eine Diskussion über die elektronische Datenverarbeitung und sicherlich auch Speicherung dem polnischen Beamten sein verschmitztes Lächeln gekostet und meine Weiterreise hätte sich womöglich noch unnötig verzögert. So bekomme ich meinen Pass mit einem freundlichen Grinsen zurück. Nachdem sich der Beamte noch Irinas russischen Pass und den deutschen Aufenthaltstitel angesehen hat, sagt er lächelnd etwas holprig „Danke, Auf Wiedersehen!“. Im Abteil nebenan gibt es Probleme. Irina lauscht und sagt: „Jemand ist ein paar Tage länger geblieben, als genehmigt.“ – „Und jetzt?“, frage ich. „Muss er Strafe zahlen. Das ist sehr teuer.“ Die polnischen Beamten verlassen den Zug. Wir stehen etwa eine halbe Stunde ohne dass etwas passiert. Dann öffnen sich die Türen erneut. „ Das sind die weißrussischen Beamten!“, sagt Irina und streicht nervös über ihre Hose. Diesmal sind die Uniformen blau. Ein Beamter, etwa fünfzig, betritt unser Abteil. Wir reichen ihm unsere Pässe. Er hält meinen aufgeschlagenen Pass auf Höhe meines Gesichts. Sein strenger Blick wechselt zwischen mir und meinem Passbild hin und her. Er fragt, wo ich herkomme und wo ich hinfahre. Irina erzählt ihm angespannt was sie bereits über mich weiß. Was ich dabei hätte, will er wissen. Irina deutet auf meine Provianttasche und meinen Backpack. Er reicht mir ein Ein- und Ausreiseformular, das ich ausfüllen soll. Dann nimmt er Irinas Pass ebenfalls zu sich und verschwindet. „Jetzt hat er unsere Pässe einfach mitgenommen.“, stellt Irina fest. Mit leichtem Unbehagen will ich mit dem Ausfüllen beginnen, da kommen zwei weitere Beamten. Wir müssen raus auf den Gang, während die Beamten das Abteil betreten und einen Blick unter die Sitze werfen. Sie fragen Irina, was sie in ihrem Koffer hätte, ob Wertsachen, Geld, Zigaretten oder Alkohol darin seien. Wir schütteln beide den Kopf. Der eine Beamte tut so, als würde er Irina nicht glauben wollen. Wirsch sagt Irina: „Bitte, dann schauen sie doch nach!“. Soweit kommt es dann doch nicht. Wir dürfen wieder ins Abteil. Ich fülle das Formular aus, bis auf die Pass- und die Visumsnummer, die ich nicht auswendig weiß. Eine gefühlte Ewigkeit später kommt der erste Beamte wieder zu uns. Er fängt an mir meine Passnummer und die Visumsnummer zu diktieren. Noch nicht ganz fertig, unterbricht er und sagt etwas zu Irina. Sie übersetzt:„ Du sollst schöner schreiben, weil er das noch übertragen muss.“. Ich gebe mir Mühe und wünschte mir Felder mit einer Breite von wenigstens einem halben Zentimeter. Nicht wirklich zufrieden, nimmt der Beamte mir das Formular ab. Wir bekommen unsere Pässe zurück. „Dosvidana“, sagt er und geht. Irina atmet durch. Auch meine Aufregung löst sich.

Der Zug rollt los, als es bereits dunkel ist. Ich setze meine Berichterstattung fort. Dabei bin ich so vertieft, dass ich gar nicht bemerke, wie der Zug in eine Halle einfährt. Hin und wieder ruckelt es. Plötzlich sagt Irina: „Schau mal, wir sind viel höher als der Wagen nebenan!“. Tatsächlich, leicht schwankend sind wir auf gut eineinhalb Meter Höhe mit vier Hebeböcken aufgebockt. Über uns rauscht ein Lastkran hin und her. Wir hören Hammerschläge. Es klirrt und zischt. Arbeiter laufen zwischen den Wägen hin und her. Aufgrund unterschiedlicher Spurweiten in Europa und Russland müssen die Drehgestelle getauscht werden. Der Wagenkasten wird von den alten Drehgestellen gelöst und dann mitsamt der Passagiere angehoben.  Mithilfe einer Spillanlage, eine motorbetriebene Seilwinde mit einem über Rollen geführten Stahlseil, werden die alten Drehgestelle in einem Arbeitsgang zusammen geklammert unter den Wägen weggezogen und die neuen darunter geschoben. Irina und ich kleben wie Kinder mit unseren Gesichtern an der Scheibe und beobachten alles. Gegenüber wird der Wagon gerade abgesenkt, während eine alte Frau in ihrem Abteil ungestört Zeitung liest und sich dabei Erdnüsse in den Mund schiebt. Wenig später werden auch wir wieder abgesenkt und setzen auf die neuen Drehgestelle auf. Wir werden ein paar Mal hin und her gefahren. Dazwischen rumst es kräftig. Die Wägen werden wieder zu einem Zug zusammen gekoppelt. Gegen 22:00 Uhr… Moment schon 22:00 Uhr? Nein, mein Laptop zeigt 21:00 Uhr. Also gegen 22:00 Uhr Minsker Zeit rollen wir durch die Dunkelheit weiter Moskau entgegen.

Abschied | Grenzerfahrung | Globalisiert | Enough
Moskau, Dienstag, den 08. März 2016   – Globalisiert in einer begrenzten Welt –
Deutschland: 05.30 Uhr
Moskau: 07:30  Uhr
Peking: 12:13 Uhr

Dass ich mich immer weiter von Deutschland entferne, spüre ich an mehreren Stellen: Am Montagmorgen musste ich mir noch den Wecker um 5:10 Uhr stellen, um meiner Rose noch vor ihrem Pflegepraktikum einen Guten Morgen wünschen zu können. Heute Morgen hingegen konnte ich entspannt bis 07:10 Uhr ausschlafen. Am Montagmorgen konnte ich von Berlin aus dank Flat kostenlos mit ihr telefonieren. Am Abend in Polen kostete mich die Schlaf-Schön-SMS hingegen zwanzig Cent und die Wach-Auf-SMS heute Morgen in Russland schon 56 Cent, während an Telefonieren schon gar nicht mehr zu denken ist. Woran das liegt ist ein menschliches Konstrukt. Es nennt sich Grenze. An Terespol zurückdenkend, fange ich an, mich sehr über Grenzen zu wundern. Von einer Sekunde auf die anderen ist es nur noch eine theoretische Option, die Stimme des anderes zu hören. Es will sich mir nicht erschließen, wie ein Streifen von wenigen Meter… Nein das trifft es nicht. Wie eine einst ausgedachte Linie, die sich gar auf eine beliebig winzig kleine Breite reduzieren lässt, weitreichende Konsequenzen haben kann. Noch fragwürdiger wird das Konzept von Grenzen bei einem Gedicht für mich. Ich hatte es am Münchner Flughafen geschrieben. Es beschreibt den Trennungsmoment, als meine damalige Freundin in den Bereich übergetreten war, zu dem mir selbst der Zutritt verwehrt war. Mit einem Mal waren wir irreversibel getrennt:

Abschied

Zurückbleiben, nicht Mitdürfen, Stehenbleiben.
Letzter Kuss und Segenswunsch.

Winken, Hinterher schauen, und nochmal Winken.
Sich verbiegen, um einen letzten Blick zu erhaschen.
Mit feuchten Augen am Boden zurückbleiben,
während sich die Liebe gen Himmel hebt;
staunend darüber, was hier vor sich geht.
Mir bleibt zu warten, bis Gottes Flügel Sie wieder zu mir trägt.

Ganz anders hatte ich die Trennung am Sonntag erlebt. Es war in absoluter Freiheit geschehen. Wenn gewollt, hätte ich zurück gekonnt. Urplötzlich wünsche ich mich in eine grenzenlose Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Gedanken für Sie nachvollziehbar sind. Wahrnehmungen sind sehr subjektiv. Vielleicht beruhigt es Sie ja, dass ich kurz nach Terespol Irina beipflichtete, dass Grenzen trotz ihrer Einschränkungen gut sind: „Ob Demokratie und Frieden in meiner Heimat noch existieren könnten, wenn es allen Menschen unkontrolliert möglich wäre zu kommen?“, fragte ich laut.

In einer Stunde sind wir schon in Moskau. Kommst du mit Frühstücken?“. Zum Glück reißt mich Irina aus meinen unlösbar widersprüchlichen Gedanken heraus. Wenige Minuten später löffeln wir im Speisewagen gezuckerten Haferbrei und schlürfen einen Kakao dazu. Zurück im Abteil fahren wir in den Bahnhof von Moskau ein. Der Zug hält. Ich setze meinen Strohhut auf und zwänge mich mit Stoffbeutel und Backpack durch den engen Flur. Irina wartet bereits draußen. Als sie mich sieht, bleibt ihr Blick kurz an meinem Hut hängen, aber sie lässt sich nichts anmerken. Ich blicke mich um. Es hat um die Null Grad. In den Vororten Moskaus hatte noch Schnee gelegen. Die Menschen um mich herum tragen dicke Mäntel und die allzu bekannten Pelzmützen. Nur ich trage einen sommerlichen Strohhut mit schwarzem Band. Tatsächlich ist es mir etwas unangenehm und ich beschließe den Strohhut bei nächster Gelegenheit in meinem Proviantbeutel zu verstauen. Mein Plan ist Irina noch mit zu einer Bank zu begleiten. So kann ich mir sicher sein, beim Wechseln nicht betrogen zu werden. Für zwanzig Euro bekomme ich knapp 1600 Rubel. Eigentlich will ich mich jetzt von Irina verabschieden und mir ein Café mit kostenfreien Wifi suchen. Mein Zug nach Peking wird erst um 23:45 Uhr abfahren. Mit meinem schweren Gepäck habe ich leider nicht die Möglichkeit, mir Moskau anzusehen. Bis zum Abend wollte ich aber wenigstens die Stimme meiner Liebsten noch einmal gehört haben, bevor sich unsere Kommunikation für die kommenden sechs Tage auf 160 Zeichen pro SMS beschränken muss. Es kommt dann aber doch anders. Irina muss noch die Rückfahrt nach Deutschland buchen. Mir kommt die Idee, dass ich mit Irinas Hilfe am Schalter nachfragen könnte, von welchem Gleis mein Zug später fahren wird. Am Schalter stellt sich heraus, dass ich noch nicht einmal am richtigen Bahnhof für die Weiterreise nach Peking bin. Moskau hat auf zwölf Millionen Einwohner, neun Bahnhöfe und fünf Flughäfen. Es ist ein besonders glücklicher Zufall, dass Irina mit der Metro zum selben Bahnhof fahren muss, wie ich. Hinweisschilder wie Stationsnamen sind seltenst auch in englischer Sprache. Alleine wäre ich verloren. Wer hatte noch einmal gesagt, das Wort „Zufall“ ist Gotteslästerung?

Die Metro in Moskau wurde 1935 eröffnet und liegt sehr tief. Es kann schon ein paar Minuten dauern, bis man mit der Rolltreppe unten ankommt bzw. wieder ans Tageslicht gelangt. Wir fahren drei Stationen auf der Ringlinie vom Bahnhof „Bellarousk“ zum Bahnhof „Yaroslavsky“. Die Stationen der Ringlinie werden auch „Paläste des Volkes“ genannt. Im Vorbeifahren sehe ich Marmor, Rundbögen, Stuck, Kronleuchter, Mosaike und buntes Glas.

In der Metro fällt mir noch etwas auf. Die meisten Frauen halten Blumen in der Hand. Irina erzählt mir, dass heute ein Feiertag in Russland ist. Der Tag der Frau: „Die guten russischen Männer machen heute alles zu Hause und schenken der Frau Blumen.“, sagt sie, „Sonst aber nicht.“, schiebt sie dann noch nach. Ich hatte Ihnen bisher wenig über Irina erzählt. Irina ist mit ihrem deutschen Mann in zweiter Ehe verheiratet. In erster war sie mit einem Russen, bis „etwas passiert war“, wie sie ihre Worte wählte. Als wir auf ihren Sohn aus erster Ehe zu sprechen kamen, sagte sie: „Ich war alleinerziehend. Verheiratet, aber alleinerziehend. Alles musste ich alleine machen. Ich war immer da für mein Kind. Eine Ehe mit einem Russen ist etwas ganz anderes, als mit einem deutschen Mann. Frau und Mann sind nicht gleich in Russland. Natürlich ist es nicht immer so, aber oft!“. Wir erreichen den Bahnhof Yaroslavsky und ich verabschiede mich von Irina. Sie ist übrigens mit dem Zug gefahren, um ihrer Mutter zu beweisen, dass es komfortabel und sicher ist. Ihre Eltern sind nämlich beide Flugzeugkonstrukteure, die niemals in ein Flugzeug steigen würden. Sie wissen wohl einfach zu gut darüber Bescheid, was alles schief gehen kann. Jetzt hofft sie, dass ihre Mutter sie doch auch einmal in Deutschland besuchen kommt. Ich wünsche es ihr sehr.

Im Bahnhof Yaroslavski gewinne ich ein ganz neues Bewusstsein, darüber, was es heißt in einer vernetzten Welt zu leben. Ich setze mich in den KFC. Für das Wifi-Passwort muss ich meinem Fairphone die russische Tastatur hinzufügen. Das dauert wenige Sekunden. Ohne, dass ich auch nur ein Wort Russisch kann, drücke ich dem KFC-Angestellten mein Fairphone in die Hand. Der Angestellte versteht sofort und  tippt mir das Wifi-Passwort ein. Ich suche mir einen Platz mit Steckdose, ziehe meinen Laptop heraus und rufe meine Emails ab. Der für mein Zimmer zuständige Hausmeister hatte vergessen, mir das Auszugsprotokoll vor meiner Abreise zu geben. Dann fülle ich es eben jetzt aus. Für die Nebenkostenerstattung aus dem letzten Jahr wird meine Bankverbindung gefragt. Maria Grimmenstein, eine Musiklehrerin, welche die größte Bürgerklage in Deutschland gegen das Freihandelsabkommen CETA initiiert hat, bedankt sich bei allen Mitklägern. Ich freue mich mit ihr über den Erfolg. Mein Lebensglück lasse ich wissen, dass in Russland heute „Tag der Frau“ ist und alle Blumen mit sich rumtragen. Zuerst suche ich nach einem schönen Bild mit Blumenstrauß. Dann kommt mir eine andere Idee. Ich lasse ihr einen Blumenstrauß nach Hause liefern. Spätestens am nächsten Tag steht er bei meiner Liebsten im Zimmer auf dem Schreibtisch. Anschließend lade ich mir ein Russischwörterbuch herunter. Eine Straßenkarte von China und insbesondere Nanjing ist ebenfalls schnell meiner Navigationsanwendung hinzugefügt. Ich suche nach einem Elektronikladen in der Nähe und einer seriösen Geldwechselstelle. Alles finde ich binnen kurzer Zeit. Mit mittlerweile drei Wörtern russisch „Da“, „Niet“ und „Spassiva“, das heißt „Ja“, „Nein“, und „Danke“, mache ich mich vom KFC auf. Erste Station ist ein Supermarkt. Ich schnappe mir eine große Flasche Wasser, suche in meinem elektronischen Wörterbuch nach dem Wort „Kohlensäure“ und mache eine Angestellte ausfindig. Ihr zeige ich die Flasche, das russische Wort für Kohlensäure und sage „Niet“. Sie erwidert „Da“ und ich antworte „Spassiva“. Als nächstes gehe ich in den Elektronikladen. Dort kaufe ich einen Mehrfachstecker, denn Steckdosen gibt es im Zug nur wenige. Mein nächster Blitzgedanke kommt direkt danach. Ich frage nach einer Internet-SIM-Karte. 4 Gigabyte für 400 Rubel, umgerechnet fünf Euro. Die Kommunikation nach Deutschland ist für die nächsten Tage erstmal gesichert. Letzte Station ist die Geldwechselstelle. Im Internet konnte ich schon vorher die Kurse vergleichen und einem Betrug somit vorbeugen. Gegen Abend telefoniere ich gut eineinhalb Stunden mit meiner Rose. Noch im Zug kann ich sie sogar per Videotelefonie kurz sehen. Ich staune über die Möglichkeiten einer vernetzten Welt.

Abschied | Grenzerfahrung | Globalisiert | Enough
Zwischen Moskau und Sibirien, Mittwoch, den 09. März 2016 – Enough for all forever –
Berlin: 09:46
Moskau: 11:46
Peking: 16:46

In der zweiten Klasse der transsibirischen Eisenbahn genieße ich nicht halb so viel Komfort, wie auf den Fahrten nach Moskau. Die Wägen stammen noch aus der DDR und sind seit 1995 auf dieser Strecke im Einsatz. Trotzdem lässt es sich in ihnen ganz bequem reisen. Naja, abgesehen davon, dass die Schlafliegen härter sind, als die Sitze, die ich aus der Regionalbahn kenne und dass die Heizung ausgerechnet in meinem Abteil nicht recht funktionieren möchte. Aber von drei dicken Wolldecken auf ein gefühltes Brett gedrückt, lassen mich die nächtlichen Außentemperaturen kalt. Steckdosen gibt es, wie erwartet, nur vereinzelt auf den Gängen. Dieses Problem kann ich aber dank dem gekauften Mehrfachstecker lösen; zumindest tagsüber, wenn es Strom gibt. Immer verfügbar ist hingegen heißes Trinkwasser. Leider werden Wasserkocher, wie auch die Heizung mit einer Kohlefeuerung betrieben. Die Toilette ist kalt und schlicht. Die Scheiße landet direkt auf den Schienen. Eine Dusche gibt es, wie ich bereits wusste, nicht. Das Wasser aus dem Hahn ist eisig kalt. Im Wagen reisen mit mir außer dem Wagenpersonal, bestehend aus zwei Chinesen, noch ein Engländer, eine Holländerin, ein russischer Zirkusakrobat, drei Amerikaner, ein Finne und zwei Norwegerinnen. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich, wieso auch immer, ein ganzes vierer Abteil für mich alleine. Das ist sehr angenehm. Die Holländerin und der Engländer teilen sich das Abteil neben an. Wir sitzen ein wenig zusammen. Die ersten Fragen sind: Woher kommst du? Bis wohin fährst du? Was machst du, wenn du nicht gerade in diesem Zug sitzt? Und zuletzt auch: Warum mit dem Zug und nicht im Flieger?

Die Holländerin, eine Englischlehrerin, ist auf der Reise nach Taiwan zu ihrem Bruder, wo sie auch bleiben möchte. Sie sitzt im Zug, weil sie Flugangst hat. Der Engländer, im Gesundheitswesen als Verwaltungsangestellter arbeitend, ist auf einer Rundreise durch Asien. Er sitzt im Zug, um des Abenteuers willen. Ich selber, angehender Umweltingenieur, bin auf der Reise nach Nanjing für ein Auslandssemester. Ich sitze im Zug, weil ich vor eineinhalb Jahren beschlossen habe, nicht mehr zur Fliegen, wenn ich eine Alternative habe.

Tatsächlich ist es das erste Mal, dass ich meinen Beschluss auch tatsächlich umsetzen kann. Letzten Sommer noch musste ich für eine Rumänienrundreise mit Freunden doch fliegen, denn meine Klausuren ließen eine andere Anreise nicht zu. Sie sehen: Beschlüsse, welche die eigenen bisherigen Lebensgewohnheiten betreffen, sind sehr schwierig umzusetzen. Sie brauchen Zeit, Kraft und eigene Überzeugung. Wobei die Überzeugung das aller wichtigste ist. Ohne Überzeugung wäre ich nicht bereit Zeit und Kraft dafür aufzuwenden, meine Gewohnheiten zu verändern. Oder anders gesagt, mit Überzeugung ist es möglich, mein ganzes Leben so tiefgreifend zu verändern, wie ich es anfangs niemals für möglich gehalten hätte. Was überzeugt mich also, nicht mehr zu fliegen? Wobei diese Frage falsch gestellt ist, denn nicht mehr zu fliegen ist nur ein Teil einer ganzen Reihe an Umstellungen, die ich in meinem Leben vollziehe und noch vollziehen werde. Die Frage muss lauten: Was überzeugt mich, meinen gesamten bisherigen Lebensstil komplett zu verändern? Das Enttäuschende an der Frage ist leider die Antwort. Sie lässt sich in einem Wort zusammenfassen, nämlich Vieles. Meine Überzeugung gewinne ich nicht einfach so. Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht mit der Feststellung: So, jetzt bin ich überzeugt. Meine Überzeugung entwickelt sich seit nunmehr vier Jahren auf der fortwährenden Suche nach einem nachhaltigen Lebensstil. Ihr Anfang lag in meinem einjährigen Freiwilligendienst, den ich vor drei Jahren in der Volksrepublik China abgeleistet hatte. Ohne dem wäre ich jetzt sicherlich nicht auf dem Weg nach Nanjing sowie auf der lebenslangen Suche nach einem guten Leben für alle Menschen zu allen Zeiten. Denn nichts anderes bedeutet „nachhaltig“ oder eingängiger im Englischen: „Enough for all forever!“.

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