Zwischen Welten Teil 2

– Engineering Failure –

Sibirien, Donnerstag den 10. März 2016
Berlin: 04:14 Uhr
Moskau: 06:14 Uhr
Omsk: 9:14 Uhr
Peking: 11:14 Uhr

Bereits zwei Tage im Zug habe ich das dringende Bedürfnis meine Haare zu waschen. Aus dem Rucksack packe ich neben frischem T-Shirt, Waschbeutel, Shampoo und Handtuch ein kurzes Stück Gartenschlauch mit verstellbarer Klemme. Jetzt kann es losgehen. Auf der Toilette wasche ich mich erst einmal wie gewohnt mit einem Waschlappen. Das Wasser ist unverändert ziemlich kalt. Nicht dass ich mich vor normal kaltem Wasser scheue, aber siebirisch eisiges Wasser lasse selbst ich mir ungern über den Kopf laufen. Not macht erfinderisch…

Ich hole meine Thermoskanne und befülle sie zu einem Drittel mit dem ca. 100 Grad heißem Wasser von der Trinkstation. Zurück in der Toilette stelle ich fest, dass die Thermoskanne nicht unter den Wasserhahn passt. Noch vor einem halben Jahr wäre meine Mission bereits an dieser Stelle gescheitert. Dass man Thermoskannen trotzdem befüllen kann, auch wenn sie selbst nicht unter den Hahn passen, habe ich erst letzten Sommer gelernt. Seither weiß ich: Ein kleineres Behältnis oder auch ein Gartenschlauch schaffen Abhilfe. Ich ziehe den Schlauch über den Hahn, schraube ihn mit der Klemme fest, stecke das andere Ende in die Thermoskanne und fülle sie auf. Mit der Hand prüfe ich die Wassertemperatur. Heiß, aber nicht zu heiß und allemal besser als kalt. Leider verlässt mich an dieser Stelle mein praktisches Denken. Stattdessen übernimmt der halbfertige Ingenieur in mir. Ich stelle die Thermoskanne auf die hoch über dem Waschbecken angebrachte Seifenablage, löse den Schlauch vom Hahn und stecke ihn in die Kanne. Fertig ist meine selbstgebaute Warmwasserdusche. Sie ahnen es, meine sehr wacklige Konstruktion wird weder dem Nachweis der Gebrauchstauglichkeit, noch dem der Tragfähigkeit standhalten können und unweigerlich versagen. Aber noch bin ich guten Mutes. Das Wasser angesaugt und den Schlauch in der einen Hand über meinen Kopf haltend sind meine Haare mit der anderen Hand schnell nass gemacht. Den Schlauch halte ich sogleich über die Wasserlinie in der Thermoskanne, damit ich nicht zu viel Wasser verbrauche. Ich freue mich über meine angewandte Hydromechanik. Nach dem Einseifen fülle ich die Thermoskanne noch einmal auf. Bevor ich mit dem Auswaschen des Shampoos beginne, kommt mir noch ein Geistesblitz: Ich muss unbedingt mit einer Hand auch die Kanne festhalten, denn je leerer sie wird, desto leichter kippt sie. An alles gedacht sauge ich das Wasser an und halte mit der einen Hand die Kanne, mit der zweiten Hand den Schlauch und mit der dritten Hand wasche ich die Haare. Moment, ich hab keine drei Hände. Welche Hand hält denn jetzt die Kanne? Noch bevor ich mir diese Frage beantworten kann, kippt die Thermoskanne um. Ich spüre einen dumpfen Schlag auf meinen Hinterkopf und wie mir das restliche Wasser über Bauch und Rücken läuft. Wie ein übergossener Pudel stehe ich tropfend in der Toilette. Die einfache Lösung wäre gewesen, das Wasser direkt aus der Thermoskanne auszugießen. Zum Glück habe ich mehr als eine Hose auf meiner Reise dabei.

Hosen, wage ich zu behaupten, besitzt nahezu jeder Mensch. Ich besitze zurzeit drei Hosen, die ich im Alltag trage. Zugegeben, das ist wenig. Sobald ich wieder in Deutschland bin werde ich mich bemühen diese Zahl zu erhöhen. Denn in China gibt es unüberwindbare Hindernisse dieses Ziel zu erreichen. Das Augenscheinlichste ist meine Beinlänge im Verhältnis zu meiner Taillenbreite. Anders ausgedrückt: Ich bin eine Bohnenstange. Schon im Jugendalter habe ich Stunden in Kaufhäusern verbracht und zahlreiche Angestellte in die Verzweiflung getrieben, auf der Suche nach einer passenden Hose mit den Maßen 32/36, notfalls auch 33/36 (Weite/Länge), die mir ja bestenfalls auch noch gefallen soll. Besonders deprimierend war dabei, dass es mir deutlich einfacher vorkam, Hosen mit genau den umgekehrten Maßen zu finden. Es gibt eindeutig zu viele Menschen in Deutschland und allen anderen Wohlstandsländern, die sich falsch ernähren. Aber darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen. Chinesen sind im Durchschnitt bekanntlich kleiner als Europäer und somit ist es in China noch aussichtsloser eine passende Hose zu finden. Meine Suche nach einem guten Leben für alle, hat mir jedoch noch ein schwerwiegenderes Hindernis in den Weg gelegt, einfach in einen Laden zu gehen und eine Hose zu kaufen. Etwas, das für uns alle in Deutschland längst selbstverständlich ist. Eine Kleinigkeit, die wir gerne übersehen und uns zu einer sehr widersprüchlichen Gesellschaft macht. Oder zugespitzt formuliert: Eine Kleinigkeit, die unserer Gesellschaft ihre Glaubwürdigkeit kostet. Ich würde diesen unschönen Satz am liebsten nicht schreiben müssen. Weil er aber wahr ist, komme ich nicht umhin, ihn doch niederzuschreiben. Mein Weg zu einem guten Leben für alle ist immer auch eine Suche nach Wahrheit. Ihre Vorahnung, dass es möglicherweise gleich unangenehm werden könnte, ist nicht unbegründet. Deshalb kann ich es gut nachvollziehen, wenn Sie gerade versucht sind meinen Blog zu schließen, um sich wieder den Alltagsfragen zu widmen. Bei mir wäre das etwa: „Esse ich heute Instantnudeln oder doch lieber Couscous-Salat?“. Sie merken, ich konfrontiere mich äußert ungern mit der Wahrheit und beschäftige mich lieber mit den wesentlichen Dingen des Lebens. Trotzdem werde ich mich und Sie auf meiner Reise immer wieder neu mit der Wirklichkeit konfrontieren, denn ich weiß keinen anderen Weg, mich einem guten Leben für alle Menschen anzunähern. Für den Moment können wir noch einmal erleichtert aufatmen. Die Widersprüche in unserer Gesellschaft werde ich erst einmal vertagen, denn ich habe mich für den Couscous-Salat entschieden. Verübeln Sie es mir bitte nicht, dass ich nur allzu menschlich bin.

 Zu: Zwischen Welten Teil 1                                                           Zu: Zwischen Welten Teil 3

Damit Sie meinen unregelmäßig erscheinenden Beiträgen mühelos folgen können, lade ich Sie ein, eine Mail mit dem Betreff und dem  Stichwort „Folgen“ an:

 phil-in-china(at)posteo.de

 zu senden. Sie erhalten immer dann eine Benachrichtigung, wenn ich einen neuen Beitrag veröffentlicht habe. Ihre Email-Adresse wird ausschließlich in meinem Adressbuch gespeichert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s