Zwischen Welten Teil 3

Eiskalt erwischt –

Bereits weit hinter Novosibirsk, Freitag, den 11. März 2016
Berlin: 09:59 Uhr
Moskau: 11:59 Uhr
Peking: 17:59 Uhr

Wie sieht mein Tagesablauf aus? Morgens verharre ich eine ganze Weile in der Kältestarre. Nach gut zwei Stunden habe ich ausreichend Willenskraft gesammelt, mich von meinen drei Decken zu lösen. Es ist der Moment, in dem mein Hunger groß genug ist, mein Müsli mit Milchpulver zu genießen. Nicht mehr lange und ein dringendes Bedürfnis zwingt mich auf die Toilette. Zitternd sitze ich auf der Kloschüssel. Der eisige Waschlappen gleicht dem Gefühl von schmelzendem Schnee im Nacken.

Mir bleibt ein bisschen Zeit zum Lesen, aber auch nicht allzu viel. Die Mittagszeit kommt aufgrund der nächsten Zeitzone überraschend bald und die wichtigste Entscheidung des Tages steht an. Zur Auswahl habe ich Instantnudeln, Couscous oder Bulgur, jeweils mit heißem Wasser aufgegossen. In den ersten drei Tagen war das abwechslungsreich, aber auch nur weil ich die Nudeln zwischen den Couscous und den Bulgur geschoben habe. Umso größer ist die Vorfreude auf das Abendessen. Mein Fairtradebeutel hält Schwarzbrot mit Bergkäse, würziger Salami, Ei oder Dosenfisch, wahlweise in Senf- oder Tomatensoße für mich bereit. Den Nachmittag über schreibe ich diesen Blog, unterhalte mich mit den anderen Reisenden und schaue aus dem Fenster. Die Landschaft, die in diesen Tagen an mir vorbei zieht, hat mich zu folgendem Gedicht inspiriert. Sie dürfen raten, für wen ich es geschrieben habe.

Birkenzauber


Der Pinsel in des Schöpfers Hand
Malt schwarze Striche ins weiße Land
Auf weiter Leinwand in grellem Licht
Erst dünn und vereinzelt, dann viele ganz dicht


Die Erde bedeckt er mit Schnee und Eis
Wählt gemusterte Streifen, weißschwarz auf weiß
Lässt sie gerade in den Himmel streben
Dem er ein helles Blau gegeben


Ein göttlicher Künstler hat mit bedacht
Solch wunderliches Kunstwerk sich ausgedacht
Wie wünscht ich es mit dir zu teilen
Mit dir ein Stündchen nur davor zu verweilen

Wir durchqueren vorwiegend Birkenwälder, hin und wieder auch Nadelbäume und trockene Gräser. Die Schneedecke ist geschlossen. Flüsse und Bäche sind zugefroren. Die Erde ist bis auf wenige Hügel eben. Tiere habe ich bis auf ein paar Raben und streunende Hunde bisher nicht gesehen. Nur gelegentlich werden die Schienen von Straßen gekreuzt und noch seltener passieren wir eine Siedlung. Zusammen gefasst, bestaune ich eine idyllische Winterlandschaft unter blauem Himmel. Allzu bald schon wirkt die Welt draußen jedoch sehr eintönig. Lediglich alle Stunde werfe ich nunmehr kurz einen Blick aus dem Fenster, nur um festzustellen, dass sich mir ein unverändertes Bild bietet. Und so wandern meine Gedanken zurück zu den unvereinbaren Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft:

Arbeitsschutz, gerechte Löhne, Gewerkschaften, Betriebsräte, das Streikrecht, geregelte Arbeitszeiten, der Kündigungsschutz oder die Wahrung der Menschenrechte sind für uns genauso unverzichtbar, wie billige Importwaren aus Asien und vielen anderen Erdteilen. Ich traue Ihnen bereits jetzt zu, den Widerspruch in dieser Tatsache zu erkennen. Es dürfte für Sie keine Neuigkeit sein, dass all die Selbstverständlichkeiten unseres Arbeitsrechts nichts mit der Realität in vielen anderen produzierenden Ländern zu tun hat. Wenn wir die Rechte, die wir selbst in Anspruch nehmen, auch unseren Mitmenschen zuerkennen möchten, dann wissen wir sehr genau um die Unvereinbarkeiten, in denen wir leben. Allein der Wandel von einer Wissensgesellschaft in eine Dissensgesellschaft scheint schwierig zu sein. Ich möchte diesem Satz zwei Attribute hinzufügen. Allein der Wandel von einer passiven Wissensgesellschaft in eine aktive Dissensgesellschaft scheint schwierig zu sein. Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Die Rechtschreibhilfe von Microsoft kennt bisher lediglich die Wissensgesellschaft, während sie mit einer Dissensgesellschaft noch nichts anzufangen weiß. Hilft nichts, da muss Office wohl ein neues Wort lernen. Die Dissensgesellschaft definiere ich wie folgt: Eine Gesellschaft, welche ihre Widersprüche in Überzeugung und Handlung überwindet und so ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnt. Dafür erscheint mir der Erwerb von passiven Wissen allein nur die notwendige, keinesfalls aber die hinreichende Bedingung. Dass mein Studium, seine mathematischen Spuren sogar in meiner Ausdrucksweise hinterlassen hat, überrascht mich. Ich wollte sagen, um von einer Wahrnehmung zu einer Handlung zu gelangen, fehlt ein Zwischenschritt: Die Bewertung. Erst wenn ich meine Wahrnehmung auch bewerte, bin ich in der Lage aktiv zu Handeln. Sehen, Bewerten, Handeln, ist das Dreieck, in dem ich mich auf meinem Weg zu gutem Leben für alle ständig bewege.

 Zu: Zwischen Welten Teil 2                                           Zu: Zwischen Welten Teil 4

Damit Sie meinen unregelmäßig erscheinenden Beiträgen mühelos folgen können, lade ich Sie ein, eine Mail mit dem Betreff und dem  Stichwort „Folgen“ an:

 phil-in-china(at)posteo.de

 zu senden. Sie erhalten immer dann eine Benachrichtigung, wenn ich einen neuen Beitrag veröffentlicht habe. Ihre Email-Adresse wird ausschließlich in meinem Adressbuch gespeichert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s