Zwischen Welten Teil 4

           – eine Million Generationen –

 Irkutsk, Samstag, den 12. März 2016
Berlin: 03:53 Uhr
Moskau: 05:53 Uhr
Peking: 10:53 Uhr

Alles was ich sehen kann, ist eine unendlich weite weiße Fläche, die sich bis zum Horizont erstreckt. Die transsibirische Eisenbahn hat das südliche Ufer des Baikalsees erreicht. Er ist 673 Kilometer lang. Das entspricht in etwa der Distanz zwischen Aachen und Rosenheim, wofür ich mit dem ICE sechs bis sieben Stunden brauche. Breit hingegen ist er nur 82 Kilometer. Nicht mehr als ein Katzensprung also. Mit einer gemittelten Wassertiefe von 730 Metern ist er der tiefste Süßwassersee der Erde. Meine Erinnerungen an Momente des Staunens während ich von einem Berggipfel in ein weites Tal blicke, geben mir ein Gefühl für seine maximale Tiefe von 1642 Metern.

Der Baikal ist auch der älteste Süßwassersee. Es gibt ihn seit mehr als 25 Millionen Jahren. Eine Zeitspanne, die meine Vorstellungskraft übersteigt. Sie in eine Million Generationen umzurechnen scheint nicht weiter hilfreich zu sein. Zumal vermutlich erst in den letzten fünfhundert auch tatsächlich Menschen diesen Teil der Erde besiedeln. Den Homo Sapiens gibt es seit geschätzt 200.000 Jahren, wobei er sich erst vor gut 15.000 Jahren in Eurasien ausbreitete. Bei meinem Versuch das Alter meiner Großmutter von 92 Jahren in 25 Millionen Teile aufzuteilen um von diesen dann 15.000 Teile abzuziehen stelle ich fest: Wäre der See so alt, wie meine Oma, hätte er vor drei Wochen zum aller ersten Mal Bekanntschaft mit uns Menschen gemacht. Es muss für ihn eine ziemliche Überraschung gewesen sein, mit der er vermutlich nicht mehr gerechnet hat.

Schon deutlich länger bietet der Baikal mehr als 2500 Tier- und Pflanzenarten einen einzigartigen Lebensraum. Etwa 1600 von ihnen kommen ausschließlich hier vor. So zum Beispiel die einzig bekannte Süßwasserrobbe. Nicht umsonst wurde dieser Erdenplatz 1996 zum Weltnaturerbe erklärt.

– Lebenskampf –

Mongolische Steppe, Sonntag, den 13. März 2016
Berlin: 11:18 Uhr
Moskau: 15:18 Uhr
Peking: 18:18 Uhr

Die Sonne senkt sich über die endlosen Weiten der mongolischen Steppe. Den ganzen Tag schon durchfahre ich nichts als braune, spärlich bewachsene Erde mit wenigen flachen Hügeln. Besiedeltes Land passieren wir noch seltener als in Sibirien. In der Mongolei leben ganze 2,8 Millionen Menschen. Die Hälfte davon in der Hauptstadt Ulan Batur. Wasser gibt es außerhalb der Städte kaum und wenn nur in kleinen Tümpeln, die in diesen Tagen meist noch zugefroren sind. Am Vormittag war ich erschrocken über die unzähligen verwesten Tierkadaver entlang der Strecke. Jetzt habe ich mich bereits daran gewöhnt. Viele Gazellen, aber auch einzelne Schafe und Rinder starben augenscheinlich den Hungertod. Keine Sorge, streunende Hunde kümmern sich liebevoll um sie. Es ist eine lebensfeindliche Umgebung, in der ich ungern einen Triebwerksschaden erleben möchte. Will sagen: Ich bin froh, mich in den Händen der chinesischen Staatsbahn zu wissen. Ich habe sie bisher um einiges zuverlässiger erlebt, als so manch anderen Bahnbetrieb. Hin und wieder kann ich große Herden lebendiger Gazellen sehen, die von der Eisenbahn aufgeschreckt davon laufen. Ich sichte auch wilde Pferde und einmal sogar ein paar Kamele am Horizont. China erreichen wir im Abendrot, welches die Steppe förmlich brennen lässt. Mein Fairphone, welches mich ein letztes Mal über die Roaming-Tarife informiert, lässt es mich wissen.

Aus dem Wissen um Missstände heraus über die Bewertung hin zum aktiven Dissens, darum geht es also. Sich von einem passiv wissenden Menschen zu einem aktiv handelnden Menschen zu entwickeln, erlebe ich als eine anstrengende Lebensaufgabe, die ich niemals vollenden werde. Kaum habe ich eine Handlung vollzogen, nehme ich in meinem Leben Veränderungen wahr, die aufs neue eine Bewertung verlangen, aus der wiederum eine Handlung erfolgt. Da meine Bewertung sich an Kriterien der Nachhaltigkeit orientiert, während ich Zeit meines Lebens in einer nicht nachhaltigen Gesellschaft lebe, entsprechen meine Handlungen meist nicht denen des Mainstreams. Gegen den Strom zu schwimmen ist ermüdend. Es fordert ständig Kompromisse und lässt mich all zu oft Rückschläge erleben. Trotzdem möchte ich Sie ermutigen, sich mit mir auf den Weg zu machen, Ihre Lebensgewohnheiten und damit ein Stück Welt immer wieder neu aktiv zu verändern. Mit diesem Blog möchte ich Sie davon überzeugen, dass die Suche nach gutem Leben für alle erstens notwendig, zweitens machbar und drittens erfüllend ist.

Fortsetzung folgt!                                                            Zu Zwischen Welten Teil 3

Damit Sie meinen unregelmäßig erscheinenden Beiträgen mühelos folgen können, lade ich Sie ein, eine Mail mit dem Betreff und dem  Stichwort „Folgen“ an:

phil-in-china(at)posteo.de

zu senden. Sie erhalten immer dann eine Benachrichtigung, wenn ich einen neuen Beitrag veröffentlicht habe. Ihre Email-Adresse wird ausschließlich in meinem Adressbuch gespeichert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s