Inmitten der EinenWelt Teil 1:

Frühlingsmorgen
Meng Haoran (689–740, Tang Dynastie)

Schlaf tief in den Frühlingstag.
Ringsumher tönt Vogelschlag.
Nachts doch Wind und Regen gehört.
Sind wohl viele Blüten zerstört?


Lieber Tee als Kaffee

Nanjing, Montag den 14.03. 2016

Meine Ankunft in Peking hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte Fotos machen. Von den Zugbegleitern mit Schirmmütze in makellosen blauen Uniformen, die sie nur für die Einfahrt in Moskau und Peking anziehen. Von der Lok und den grünen Wägen. Von dem riesigen Bahnhofsgebäude. Ich wollte die Atmosphäre einfangen, die vielen Leute um mich herum wahrnehmen, fremde und vertraute Wörter hören, dem Gefühl nachspüren zurück zu sein im Land der Mitte. Ein Land, dass ich niemals wirklich verstehen werde und trotzdem liebgewonnen habe. Allein ein russischer Pferdeakrobat durchkreuzt meine Pläne.

Er will zum Zirkus Shanghai. Das Zugticket hat er bereits gekauft. Sein Problem: Er kann kein Chinesisch, nur gebrochen Englisch und hat eine Stunde, um am Hauptbahnhof ein U-Bahnticket zu kaufen, die U-Bahn zu wechseln, am Südbahnhof einen Schalter zu finden, dort sein bezahltes Zugticket zu bekommen und am richtigen Gleis in den Zug zu springen. Seine Lösung: Ein verplanter Umweltingenieur, der glaubt Chinesisch zu sprechen und bisher nur weiß, dass er auch zum Südbahnhof muss. Er hat sich aber weiter keine Gedanken darüber gemacht hat, wie er denn nach Nanjing kommt. Noch während die Zugbegleiter kontrovers darüber diskutieren, ob es möglich ist, hält der Zug und wir springen auf den Bahnsteig. Treppe rauf. Immer der Masse nach. Hin zum Ausgang. Bis dahin begleitet uns ein Deutscher aus Leipzig. Er wird von einer Chinesin abgeholt: „Nin Hao, Nali Keyi Mai Ditie Piao?“. Sie deutet in eine Richtung. Es beginnt ein Hindernislauf. Koffern und Menschen gilt es dabei im Slalom auszuweichen. Schon sind wir am Ticketschalter. Hier ist aktives Anstellen gefragt. Die U-Bahntickets in der Hand bleiben uns noch fünfzig Minuten. Schon tauchen wir unter die Erde. Die Ringlinie hab ich schnell gefunden. Noch während wir die Gleise erreichen, fahren aus beiden Richtungen U-Bahnen ein. Die Türen öffnen sich. Viel Zeit bleibt mir für den Streckenplan nicht. Ich sehe Schriftzeichen und Pinyin ohne ihre Bedeutung zu verstehen. „Left, Left!“, rufe ich dem Artisten zu. Die Türen schließen sich. Wir sind drin. „Vier Stationen“, will ich ihm sagen. Doch in seinem Gesicht sehe ich Überforderung. Die vielen Menschen, wo man auch hinsieht, neue Geräusche und Gerüche. Ein Bombardement aus Eindrücken für jemanden der zum ersten Mal in Peking ist. Sein Kopf weiß nicht wohin mit ihnen. Ich nicke ihm einfach zuversichtlich zu. Die Tunnelwand ist mit einem Bildschirmstreifen ausgekleidet. Die gezeigten Werbespots bewegen sich mit der U-Bahn mit. Wir erreichen den Umsteigebahnhof. Dreißig Minuten bleiben uns noch. Tür auf, Treppe rauf. Ständig schau ich mich um, um zu prüfen, ob mein Begleiter noch hinter mir ist. Zum Glück kann ich sein Gesicht im Meer der Asiatischen gut erkennen. Rechts weg, einen langen Gang entlang, Rolltreppe runter. Zehn Minuten und drei Stationen später sind wir tatsächlich da. Wieder Rolltreppen und lange Flure. Ein chinesischer Student zeigt uns den Weg zu den Schaltern. Schalter 34 kann leider keine bezahlten Tickets herausgeben, dafür aber Schalter 15. Der Akrobat hält mit erleichtertem Lächeln seine Fahrkarte in der Hand: „You buy Nanjing Ticket?“, fragt er mich mit seinem stark russischen Akzent. Überrascht stelle ich fest, dass der nächste Zug nach Nanjing derselbe ist, wie der meines Begleiters. Wir stehen vor einer großen Anzeigetafel. Ob er noch schnell einen Kaffee trinken könne, will der Akrobat wissen. Vielleicht lieber im Zug, schlage ich vor. Um 12:55 Uhr sitzen wir im Board Restaurant und schlürfen Kaffee. Um 13:02 Uhr beschleunigt der Hochgeschwindigkeitszug auf 300 km/h. Auf Wiedersehen Peking. Die letzten 1000 km überwinde ich in nur vier Stunden. Mir wird klar, meine geschätzt 10.000 km lange Zugreise ließe sich bei entsprechend ausgebauter Strecke ohne Spurwechsel und Grenzkontrollen auch in zwei Tagen zurücklegen. Ob dieser Traum einmal wahr wird?

Die Fahrt über habe ich die Gelegenheit, meinen Begleiter besser kennen zu lernen. Es ist das erste Mal, dass ich mich mit einem Zirkusakrobaten unterhalte. Er sagt in seinem gebrochenen Englisch: „Verrückt. Eine Woche im gleichen Zug ohne mit dir zu sprechen und dann heute. Ein Wunder, dass ich jetzt in diesem Zug sitze.“ Das trifft auch für mich zu. Ohne den Akrobaten hätte ich mir viel Zeit gelassen und wäre wohl erst nachts in Nanjing angekommen. Ob dann noch Zeit geblieben wäre, ein Hotel zu finden? Ich schätze den Artisten auf Mitte vierzig. Im Moment sieht er älter aus. Seine Haare wirken grauer, als sie tatsächlich sind. Weil es so kalt war, hat er in den letzten Tagen wenig geschlafen. Warum er mit dem Zug gefahren ist, will ich wissen. Um das Land zu sehen, sagt er. Es ist sein zweites Mal in China. Das erste Mal kam er mit dem Flugzeug, aber von oben sieht man nur Wolken. Warum ich nicht fliege, fragt er zurück. Ich versuche ihm vom Klimawandel zu erzählen. Aber mithilfe meines Russisch-Wörterbuchs wird das Fragezeichen in seinem Gesicht nur größer. Ich versuche mich nicht weiter zu erklären. Der Artist will noch einen zweiten Kaffee: „Trink lieber Tee!“, sage ich, „Kaffee ist in China teuer und meistens enttäuschend“. Als er sein abgegriffenes Portemonnaie öffnet, fällt ein Heiligenbild heraus. Ich frage ihn, ob er an Jesus glaubt. Er nickt: „And you?“. Ich nicke und wir freuen uns. Auf halben Weg möchte der Artist seiner Frau schreiben, dass er auf dem Weg nach Shanghai ist, aber seine chinesische Sim wird nicht erkannt. Zwei Kinder lächeln mir auf dem Bildschirmhintergrund seines Smartphones entgegen. Ich lasse ihn über meine deutsche Sim einen Gruß nach Hause schicken. Er erzählt von einem großes Haus zu Hause, dass er selber gebaut hat und einem Stall mit eigenen Pferden. Er ist viel herumgekommen. Hat mehrere Jahre in Paris gelebt. War in der Schweiz, Deutschland, Italien. Natürlich auch viel in Russland. Jetzt hat er einen Vertrag am Zirkus Shanghai. Durch ganz China ist die Sommertournee geplant. Im Oktober kann er wieder nach Hause. Er lebt dieses Leben schon seit mehr als fünfzehn Jahren. Frühling und Sommer auf Tournee, im Herbst und Winter bei Frau und Kindern. Zuhause trainiert er Pferde und zukünftige Artisten. Ich staune, wie unterschiedlich Leben sein können. So verschieden zu meinem und doch haben wir uns getroffen in der ein und der selben Welt.

In dieser EinenWelt habe ich vor einigen Jahren noch einen anderen Menschen kennen gelernt. Mit durch ihn habe ich mich von einem passiv wissenden zu einem aktiv handelnden Menschen verwandelt und bin zu einer völlig neuen Bewertung der vielen Misstände in dieser Welt gelangt. Dass sich unsere Wege gekreuzt haben, betrachte ich als ein Wunder. Aber lesen Sie selbst:

Ein Weltwunder

Nürnberg, Mittwoch den 12. März 2014

Ich sitze im ICE von München nach Nürnberg. Hatte ich bis gerade eben noch meine Chinesisch-Klausur an der TU München geschrieben, kam mir ein Softwarefehler im ICE-Betriebssystems ausnahmsweise einmal sehr gelegen. Sonst hätte ich den Zug verpasst. Verschwitzt und noch ganz außer Atem lasse ich mich in einen Sitz fallen. Ich bin aufgeregt. Was mich erwartet, weiß ich nicht. Den Menschen, den ich treffen werde, kenne ich bisher nur aus wenigen Emails und einigen Internetartikeln…

Dieser Teil des Beitrags ist im Newsletter erschienen. Sollten Sie diesen nicht erhalten haben, sind Sie herzlich eingeladen, eine Mail mit dem Betreff und dem Stichwort „Weltwunder“ an:

 phil-in-china(at)posteo.de

 zu senden. Sie erhalten auch in Zukunft immer dann eine Benachrichtigung, wenn ich einen neuen Beitrag veröffentlicht habe. Ihre Email-Adresse wird ausschließlich in meinem Adressbuch gespeichert.

Fortsetzung folgt!                                                            Zu Zwischen Welten Teil 4

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