Beiträge von 2012

Wie Beiträge von 2012?

Vor vier Jahren absolvierte ich von August 2012 an einen einjährigen internationalen evangelischen Freiwilligendienst (IEF) mit Mission-EineWelt. Das Jahr verbrachte ich im Nordwesten Chinas, in der chinesischen Kleinstadt Jiuquan. Dort unterrichtete ich an einer staatlichen Middle-School Englisch-mündlich. Angestellt war ich dafür bei der chinesischen Partnerhilfsorganisation „The Amity Foundation“. Hier können Sie meine damaligen Ersteindrücke aus China in chronologischer Reihenfolge nachlesen:

Inhaltsverzeichnis:

Hongkong, Nanjing, Yangzhou | Jiuquan 1 | Beijing | Jiuquan 2

Hongkong: Ankunft
Nanjing: Ankunft, im Supermarkt, Yangtse-Überquerung, die Amity Foundation

Yangzhou: Unterkunft, Essen, Stadtspaziergang, Gottesdienst, Tagesablauf, der 10 Yuan-Schein, ein Wok, Markterlebnis, erste Lehrerfahrung, Ausflug in den Park, Kindergottesdienst, zweite Lehrerfahrung, Wäschewaschen

Hongkong, 9.08.2012 Ortszeit: 9:07

Bin vor kurzem wohlbehalten nach gut zehn Stunden Flug angekommen. Jetzt trennen mich 9174 Kilometer vom heimatlichen Deutschland. Seit beinahe 20 Stunden bin ich schon unterwegs. Der ICE fuhr gestern um 7:50 (Ortszeit München) ab. In gut 3 Stunden geht es, wieder mit dem Flieger, weiter nach Nanjing. Flugzeit ca. zweieinhalb Stunden. Der Flieger hat schon eine Stunde Verspätung, denn in Nanjing tobt gerade ein Wirbelsturm. Mal sehen, wann ich dort also tatsächlich ankommen. Meine erste Stäbchen-Esserfahrung habe ich bereits erfolgreich hinter mich gebracht. Irgendwo über Russland gab es eine Nudelsuppe als Zwischensnack. In Hongkong durfte ich gleich mal chinesische Energiepolitik erleben: Auf den riesigen Kühlventilatoren, die hier überall rumstehen konnte man lesen: „Use aircondition → Save energy and reduce carbondioxyd!“ Ich würde sagen: „Alle Klarheiten beseitigt!“ Ansonsten bin ich ziemlich müde und hoffe, bald in ein Nanjinger Bettchen fallen zu dürfen.

Nanjing: Ankunft, im Supermarkt, Yangtse-Überquerung, die Amity Foundation

Nanjing 9.08.2012 Ortszeit 17:00

Meine Hoffnung konnte erfüllt werden. Ich liege gerade in einem Bett, dass zu einem Youthhostel mitten in Nanjing gehört. Endlich hat die beinahe 25 Stunden lange Reise zumindest für heute ein Ende gefunden. Nach dem Check-in im Hostel und einer erfrischenden Dusche fühle ich mich trotz Jetlag beinahe wie neu geboren. Die Einreise nach China war kein Problem. Die kurze Nachfrage, was ich in China machen werde, konnte ich zufriedenstellend beantworten, sodass der Einreisestempel nicht auf sich warten ließ. Am Ausgang vom Flughafen wurden wir sogleich von der „Amity Foundation“ empfangen und samt Gepäck, das die Reise ebenfalls gut überstanden hat, zu einem Youth Hostel gefahren. Die Autofahrt dorthin war abenteuerlich. Einerseits lag das an den Sturmschäden, die der Wirbelsturm hinterlassen hatte. Umgeknickte Bäume, Masten und Werbetafeln säumten den, mit Ästen und Blättern bedeckten, Straßenrand. Zum anderen ist die Fahrweise der Chinesen mehr als gewöhnungsbedürftig. Fahrspuren interessieren hier genauso wenig wie durchgezogene Striche. Überholt wird von Links oder Rechts, sobald es möglich ist. Falls das doch nicht geht, nutzt man die Gegenfahrbahn für sich selbst oder fährt auch mal zu dritt auf zwei Fahrspuren. Schulterblick und Blinker, ich wusste es ja schon immer, sind absolut überflüssig. Man verlässt sich einfach darauf, dass alle um einen herum schon bremsen oder ausweichen werden. Zebrastreifen sind schön anzuschauen, werden aber zu 100% ignoriert. Wie es manche tatsächlich wagen können, darauf die Straße zu überqueren ist mir unbegreiflich. Jetzt noch ein paar Worte zum Klima: Regnerisch grau/trüb, hohe Luftfeuchtigkeit, nachmittags starker Regen und durchgehend um die 30 Grad Celsius. Somit auch extrem schwül. „Angenehm kühl“, meinte eine Hostelangestellte: „Vor dem Sturm war es noch viel heißer!“ Nanjing ist allerdings auch der heißeste Fleck Chinas mit durchschnittlich 35 Grad Celsius. Erträglich sind die Temperaturen nur dank der vollklimatisierten Zimmer, Läden, Restaurants etc. Ich will gar nicht daran denken, wie viel allein die Kühlung dieser 5 Millionen Einwohnerstadt an Strom frisst. Die Klimaanlage in meinem Zimmer zeigte mir auch, wie hilflos man ohne Sprachkenntnisse ist. Die dazugehörige Fernbedienung war übersät mit chinesischen Zeichen. Mir blieb nur die Randommethode. Soll heißen: Irgendwann waren alle Tasten gedrückt und das Ding lief.

Ankunft, im Supermarkt, Yangtse-Überquerung, die Amity Foundation

Nanjing 9.08.2012 Ortszeit: 22:28

Nach diesen letzten Zeilen über den heutigen ersten Tag in China darf ich endlich ins Bett. Aber ich will euch nicht vorenthalten, dass wir vier Freiwillige von Mission-EineWelt keineswegs alleine im Hostel sind. Heute Abend lernte ich die anderen Freiwilligendienstler kennen, die ebenfalls dieses Jahr für Amity als Lehrer arbeiten werden. Insgesamt sind wir eine Truppe von fünfzehn deutschen jungen Männern und Frauen. Ich verstehe mich mit allen relativ gut, besonders mit meinem WG-Partner in Jiuquan. Er heißt Arian und ist, soweit ich das nach einem gemeinsamen thailändischen Abendessen sagen kann, sehr sympathisch. Ich bin ziemlich erleichtert deswegen. Eine potentielle Problemquelle weniger, die das Jahr hätte sehr unangenehm werden lassen können. Nach dem leckeren, geselligen Abendessen machten wir alle zusammen noch kurz einen Abstecher zum Supermarkt. Der bekam leider einen negativen Beigeschmack, denn neben den alltäglichen Dingen, die man aus Deutschland kennt, kann man dort noch ganz andere Sachen kaufen. Lebende Schildkröten, Seeschlangen, Fische und Krabben dümpeln zusammengepfercht in winzigsten Behältern vor sich hin und warten darauf, erst gekauft und dann verzehrt zu werden. Besonders angenehm kann es sicher nicht sein, auf seinen Artgenossen zu liegen und von diesen ebenfalls zertrampelt, gezwickt oder erdrückt zu werden. Dass Chinesen mit ihren Tieren nicht gerade zimperlich umgehen weiß man ja, aber damit beinahe täglich konfrontiert zu werden, ist eine Sache, an die ich mich erst noch gewöhnen muss.

Ankunft, im Supermarkt, Yangtse-Überquerung, die Amity Foundation

Yangzhou 10.08.2012 Ortszeit: 21:14

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich bin nicht mehr in Nanjing, sondern in Yangzhou. Das liegt nördlich, etwa zwei Autostunden entfernt, von Nanjing. Nanjing verließen wir heute Mittag. Davor haben wir noch alle zusammen mit den Organisatoren von Amity gebruncht. Naja, für mich war es eher ein Mittagessen, denn es gab Reis mit kleinen Schweinefleischwürfelchen. Dazu gedünstetes Gemüse. Welches würdet ihr nun fragen, aber ich kann mich leider nicht mehr erinnern. Es schwirren einfach so viele Eindrücke in meinem Kopf, dass es schwierig ist, alles zu behalten. Was es noch gab, war gezuckerte „dou jiang“, zu deutsch Sojamilch. Sie schmeckt wie wässrige Honigmilch mit einen mehligen Beigeschmack. Klingt nicht besonders lecker, aber man kann es trotzdem ganz gut trinken. Zurück zur Fahrt nach Yangzhou. Auf der Autobahn fand sich kaum mehr ein Blättchen. Alles war blitzeblank geputzt. Den Sturm konnte man nur noch an den zerzausten Bäumen erahnen. Beeindruckend, wie flink die Chinsesen sind. Ein kleines Highlight war die Überquerung des Yangtse. Er ist der drittgrößte Fluss der Welt und der mächtigste Chinas. Sein Wasser ist schlammig braun und wird von großen Frachtern durchpflügt. Die Brücke darüber ist geschätzt drei bis vier Kilometer lang. Beides, Fluss und Brücke, wirken damit sehr imposant. Gegen 14:30 Uhr wurden wir dann in Yangzhou auf einem College Campus abgesetzt. Hier wird auch das dreiwöchige Vorbereitungsseminar von Amity stattfinden. Das Klima ist genauso, wie in Nanjing. Während wir die Koffer aus dem Bus holten, fing es zu gewittern an. Sturzregen, Blitze und krachende Donner, nur die aus Deutschland gewohnte Kühle blieb aus.

Yangzhou: Unterkunft, Essen, Stadtspaziergang, Gottesdienst, Tagesablauf, der 10 Yuan-Schein, ein Wok, Markterlebnis, erste Lehrerfahrung, Ausflug in den Park, Kindergottesdienst, zweite Lehrerfahrung, Wäschewaschen

Yangzhou, 11.08.2012 Ortszeit 9:01

Entschuldigt, dass ich gestern nicht mehr weiter geschrieben habe, aber ich hatte eine sehr spannende Diskussion mit Arian, meinem WG-Partner, der auch jetzt schon das Zimmer mit mir teilt. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass ich es mit ihm nicht besser hätte treffen können, denn er ist ebenfalls, wie ich, an Naturwissenschaften gleichermaßen wie am politischen Geschehen interessiert. Noch dazu teilen wir eine ähnliche Meinung, was die politische Richtung angeht. Wartet kurz, es klopft an der Tür… und schon bin ich nach zwei Minuten wieder da.

Eingetreten war ein mittelgroßer Chinese mit einem Schraubenzieher und einem Tuch. Er grinste mich und Arian an. Wir grinsten zurück. Er winkte mich her und verschwand im Bad. Ich ging ihm verunsichert nach. Ununterbrochen auf Chinesisch redend stand er vor der Dusche, den Warm- und Kaltwasserhebel bedienend. Er sah mich mit prüfendem Blick an, ob ich auch verstanden hätte, was er gerade gesagt hatte. Ich lächelte schwach. Der vermeintliche Hausmeister erwiderte dieses und verließ, vor sich hin redend, unser Zimmer. Ich kann nur hoffen, dass der Inhalt seines Monologs nicht wirklich wichtig war, denn bis auf das „Ni Hao“ zu Beginn haben Arian und Ich kein Wort verstanden. Unsere erste Begegnung mit einem Einheimischen war also sehr aufschlussreich. Vielleicht beschreibe ich noch kurz, wie wir hier in Yangzhou wohnen. Das Gästehaus, in dem wir untergebracht sind, befindet sich, wie schon gesagt, auf dem Gelände eines Colleges. Im Erdgeschoss ist eine Lobby. In den Stockwerken darüber befinden sich die Zimmer, in denen wir wohnen, ein großer Speißesaal mit runden Tischen, auf denen jeweils eine drehbare Platte steht. Ein Libraryroom, in dem unter der Woche auch Morgenandachten gehalten werden. Außerdem gibt es hier Klassenzimmer und Meetingrooms, alle samt mit Holzstühlen und -Tischen ausgestattet. Ganz oben im 5. Stock gibt es eine Waschküche mit Waschmaschinen, Spülbecken und Kühlschrank. Arian und mein Zimmer ist schätzungsweise 24 Quadratmeter groß. Ausgestattet ist es mit zwei angenehm harte Betten inkl. Nachttischen, eine Kommode mit Fernseher, ein Schreibtisch mit einem großen Spiegel an der Wand sowie ein kleiner runder Tisch mit einem Teeservice und Wasserkocher darauf, dazu zwei Sesselstühle. Das wichtigste, die Klimaanlage hätte ich beinahe vergessen. Chinesische Klimaanlagenfernbedienungen kann ich nun nahezu perfekt bedienen. Außerdem haben wir noch ein kleines Bad mit Nasszelle. In China werden Duschvorhänge dummerweise als überflüssig angesehen. Hier und in Nanjing gibt es jedenfalls keine, sodass man mit einem nassen Bad leben muss. Gewöhnungsbedürftig ist auch die chinesische Klospülung, denn die baut kaum Wasserdruck auf. Deshalb darf man das Klopapier auf keinen Fall in die Toilette werfen, sondern in einen Mülleimer daneben. Ich hoffe, dass er täglich geleert wird. Mir wurde das leider zu spät gesagt und ich durfte mein Klopapier, dass einfach nicht abfließen wollte, schließlich per Hand wieder raus fischen. Keine Angst, Seife zum Händewaschen habe ich natürlich mit eingepackt.

Unterkunft, Essen, Stadtspaziergang

Yangzou, 11.08.2012 Ortszeit: 13:54

Wie die letzten Tage auch, fing es gerade in Strömen zu regnen an. Heute Vormittag bekamen wir eine kleine Einführung, was uns die kommenden zwei Wochen erwarten wird. Neben uns fünfzehn Freiwilligen nehmen noch zehn chinesische College-Schüler und Studenten als Tutoren am „Amity Summer Training Programm“ teil, das von vier professionellen Englischlehrerinnen organisiert wird. Das Programm besteht vor allem aus Kurseinheiten über die chinesische Sprache, Kultur und Alltag sowie das Unterrichten an chinesischen Schulen. Zusätzlich wird jeweils zwei Freiwilligen ein Tutor zugeteilt, der uns den Einstieg in das chinesische Alltagsleben erleichtern soll und uns für sämtliche Fragen zur Verfügung steht. Mein Tutor nennt sich mit englischem Namen Brain, weil er das in einem chinesischen Zeitungsartikel gelesen hat. Er ist 21 Jahre alt und studiert Elektrotechnik. Leider spricht er nur gebrochen Englisch, sodass die Verständigung nicht ganz einfach ist. Nach der Einführung gab es ein „Welcome Meal“. Die Drehscheiben auf den Tischen im Speisesaal waren schon mit Speisen gedeckt. Zu acht saß man jeweils an einem Tisch, vor sich ein Tellerchen und eine bereits gefüllte Suppenschüssel, sowie ein leeres Schälchen. Die Suppe aßen wir gemeinsam, bzw. probierte ich nur einen kleinen Löffel, denn sie bestand aus schleimigen halb durchsichtigen Lotusblütenblättern, die in einer süßlich schmeckenden Brühe eingelegt waren. Mein Fall war es jedenfalls nicht. Danach nahm man sich mit den Stäbchen einfach von den vielen Tellern auf der Drehscheibe herunter, was einem zusagte. Da gab es eingelegte und gebratene Champignons, Tofusalat, grüne runde Bohnen, Bambussprossen, Algen, ein bitter schmeckendes Zuchini ähnliches Gemüse, allerlei gekochte Wurzeln und Knollen, Mais, Brokkoli, Kartoffeln (die von der Konsistenz ziemlich schwabbelig waren), Schrimps, Aal, Fisch, Muschelfleisch, Ein gegartes aufgeschnittenes Huhn mit Kopf, Füßen/ Zehen, Herz etc. Außerdem Steak und kalten Braten jeweils verschieden gewürzt. Einiges konnte man gut essen, anderes eher weniger: Satt wurde man auf jeden Fall.

Essen, Stadtspaziergang, Gottesdienst

Yangzhou, 11.08.2012 19:18

Gerade sind Arian, unser Tutor und ich aus Yangzhou Downtown zurückgekommen. Begonnen haben wir unsere Besichtigung am „Yangzhou Time Square“. Natürlich kann die Innenstadt der 4,5 Millionen Stadt nicht mit dem Originalschauplatz mithalten. Trotzdem ähnelt sie den Stadtkernen westlicher Großstädte: Hohe Häuser, breite Straßen, riesige Shoppingcenter, Restaurants, Kleider-, Schuh- und Handyläden prägen das Stadtbild. Ein Meer an Reklameanzeigen, nahezu alle beleuchtet, überflutet das Auge. Überall ist Leben. Alles ist in Bewegung. Autos, Busse und Lastwägen drängen sich durch die Straßen. Hunderte Elektrofahrräder und Scooter rasen hupend an noch viel mehr Fußgängern vorbei. Wortfetzen, Autorauschen, Baustellenlärm, Gelächter, schrille Pfiffe, Ladenmusik und Kinderkreischen. Dazu die verschiedensten Gerüche; vertraute wie unbekannte. Biegt man in die kleinen Gassen, parallel zu den breiten Avenues, reihen sich viele Straßenstände aneinander. Berge saftiger Melonen, Äpfel und Pfirsiche kann man genauso erwerben, wie frisch gebratenes Gemüse, Fleisch oder Tofu. Eingerahmt sind die Sträßchen von schäbigen Mauern mit niedrigen Türeinlässen zu engen Hinterhöfen. Darin sitzen Einheimische. Sie essen an kleinen Tischen, kochen auf einer Herdplatte, waschen sich an einem Trog, gießen exotische Pflanzen oder hängen ihre Wäsche auf. An diese Höfe schließen noch zwei oder drei kleine Zimmer an. Fertig ist der Wohn- und Lebensraum für ganze Familien. Nach stundenlangem schlendern bekamen wir Hunger. Das Abendessen stellte unseren Tutor allerdings vor eine Herausforderung, denn Arian ist Vegetarier. Damit hat er ein ziemliches Problem, denn vegetarisches Essen ist in China kaum zu finden. Nahezu alle Gerichte sind mit Fleisch zubereitet. Gemüse wird in der Regel nur als Beilage serviert. Fragt man in Restaurants nach fleischlosem Essen, kann man mit einem Kopfschütteln rechnen. Aber unser Tutor, der selbst in Yangzhou lebt, gab nicht auf und schließlich landeten wir in einem Nudel-Restaurant. Für Arian fand sich tatsächlich eine Nudelsuppe nur mit Gemüse und Ei. Für den Tutor und mich, gab es das gleiche, allerdings mit in feinen Streifen geschnittenen Rindfleisch. Alles zusammen inkl. drei 0,5 Wasserflaschen kostete 30 Yuan, umgerechnet 6 €. Von meinen Stäbchen-Künsten, dass muss ich einfach kurz anfügen, bin ich ziemlich beeindruckt, denn die glitschigen dünnen Nudeln aus der klaren Brühe heraus zu fischen, bereitete mir kaum Probleme. Auf dem Rückweg zum Taxi stießen wir dann noch auf eine Kuriosität. Plötzlich hielten drei Motorroller-Fahrer neben einer kleinen Grünfläche und packten acht oder zehn kleine, 20 cm hohe, puschelige Hundewelpen aus, die sie dann dort laufen ließen und den Passanten feilboten. Diese streichelten die kleinen süßen Hündchen nach Lust und Laune, während die Verkäufer jeden Versuch der Welpen die Grünfläche zu verlassen mit einem gnadenlosen Griff nach einem der Beinchen unterbanden. Andere Länder, andere Sitten.

Stadtspaziergang, Gottesdienst, Tagesablauf

Yangzhou, 12.08.2012 Ortszeit: 18:25

Heute ist Sonntag und nach dem Frühstück nahm ich die Möglichkeit war, einen chinesischen Gottesdienst zu besuchen. Als wir eine viertel Stunde vor Beginn ankamen, war die Kirche bereits voll. Gut dreihundert Leute waren gekommen, um an dem eineinhalbstündigen Gottesdienst teilzunehmen. Für uns Freiwilligen von Amity waren die ersten drei Reihen reserviert worden. Der Altarraum war etwas erhöht und mit einer halbhohen Brüstung vom restlichen Kirchenraum abgetrennt. Darin stand jeweils zur rechten und zur linken ein Ambo. Einen Altar gab es nicht, sodass man freies Blickfeld auf ein drei auf zwei Meter großes Abbild des Jordans hatte. Darunter befand sich ein, mit Wasser gefülltes, Taufbecken, groß genug um sich ganz rein zusetzen und getaucht zu werden. Es wäre super spannend, in diesem Jahr auch eine chinesische Taufe mit zu erleben. In der viertel Stunde, die noch bis zum Gottesdienstbeginn verblieb, probte ein Mann mit der Gemeinde die Lieder, die später im Gottesdienst gespielt wurden. Praktisch, denn so konnten wir Freiwillige schon mal singend die chinesische Aussprache lernen. Dann ging es endlich los. Der Pfarrer begrüßte erst und stellte uns, unter Applaus, der Gemeinde vor, um dann mit der Liturgie zu beginnen. Dank einem, extra für uns, auf Englisch gedruckten Ablauf konnten wir den Gottesdienst und sogar die Predigt ungefähr mitverfolgen. Erst ein Eingangsgebet, dann ein Gloria, darauf das Glaubensbekenntnis, nachfolgend die Lesung und zwei Lieder, schließlich die Predigt. Nach der Predigt kam der Kinderchor der Gemeinde herein. Gut zwanzig süße Engelskinder, weil in weiß gekleidet, stellten sich in zwei Reihen auf und sangen mit voller Kraft. Abgeschlossen wurde mit dem „Vater Unser“ einem Lied und dem Schlusssegen. Ihr seht, sehr ähnlich, wie in Deutschland. Einen großen Unterschied gab es aber doch. Der Pfarrer hielt nicht den kompletten Gottesdienst. Gepredigt hat ein extra Prediger, der von Sonntag zu Sonntag zu wechseln scheint. Gesegnet wurden wir von der, für die Gemeinde, hauptverantwortlichen Pfarrerin. Ach ja, eine Kollekte gab es nicht. Außerdem war es überraschend, von der Wirkung auch befremdlich, wie angestrengt andächtig die Menschen mitbeteten und wie überzeugt und emotional sie das Glaubensbekenntnis sowie das „Vater Unser“ geradezu riefen. Beim Verlassen der Kirche war man von Bettlern beinahe umzingelt. Es fällt mir immer wieder aufs neue schwer, meinen Zorn über ihre Aufdringlichkeit zu unterdrücken. Das wir Christen und Touristen sind, glauben sie immer wieder ausnützen zu müssen.

Gottesdienst, Tagesablauf, der 10 Yuan-Schein

Yangzhou, 13.08.2012 Ortszeit: 21:16

Bin gerade vom Sport gekommen. Auf dem College Campus befindet sich ein große Anlage mit Basketball- und Fußballfeldern sowie einer Laufbahn drum herum. Alles ist zwar schon relativ alt und heruntergekommen, aber dennoch funktionstüchtig. Zusammen mit dort trainierenden Chinesen spielten wir erst Basketball, dann Fußball. Zum Schluss liefen wir noch ein paar Runden. Es tut gut, seinen Körper zu spüren. Dank der tropisch feucht heißen Luft war ich danach klitschnass geschwitzt. Ich konnte meine Sportsachen allesamt ausfringen. Ich fühlte mich, wie als hätte ich drei Stunden durchgepowert, tatsächlich waren es eineinhalb. Ziemlich beeindruckend, wie viel anstrengender das Klima hier ist. Gut, es hatte auch um die 30 Grad, was aber etwas kühler als sonst war, weil es heute Nachmittag gewittert hatte. Der Sport hat noch eine gute Seite. Man hat Spaß zusammen mit den Einheimischen, ohne viel miteinander reden zu müssen. Praktisch interkultureller Austausch, ganz ohne Kommunikation. Wir wollen uns die nächsten zwei Wochen, die wir noch hier sind, täglich sportlich betätigen, denn es schafft einen guten Ausgleich zum restlichen sehr straffen Tagesprogramm, das heute wie folgt aussah:

7:00 Morgenandacht, 7:15 Frühstück, 8:00 bis 8:50 Vortrag über die Missionsgeschichte in China, 9:00 bis 9:50 Einführung in das Unterrichten an chinesischen „Middle Schools“, 10:00 bis 10:50 Chinesisch Grundkurs, 11:00 bis 11:50 Chinesisch Training mit unseren Tutoren, 12:00 Mittagessen, 13:30 bis 15:30 Vortrag über die Richtlinien für das Freiwilligenprogramm von Amity, 15:30 bis 18:00 Pause, bzw. Vorbereitungszeit für seine Unterrichtsstunde, die man in der kommenden Woche mit Probeschülern halten darf, 18:00 Abendessen. Der Abend steht zur freien Verfügung. Und ihr habt richtig gelesen. Schon in dieser Woche werde ich das erste mal unterrichten dürfen. Am „Amity Summer Training Programm“ nehmen nämlich noch gut fünfzig chinesische Schüler und Schülerinnen zwischen zwölf und vierzehn Jahren teil, die ihre Ferienzeit nutzen wollen, um ihr Englisch zu verbessern, während wir an ihnen, jeweils zu zweit, unsere Fähigkeiten als Englischlehrer trainieren. Eine bessere Vorbereitung für unseren Dienst kann es kaum geben. Wir erhalten auf Anfrage auch Hilfestellung bei der Vorbereitung. Außerdem ein detailliertes Feedback nach der Stunde. Auch können wir uns so auf das Sprachniveau, das uns in unseren Einsatzschulen erwarten wird, einstellen. Ich bin ziemlich positiv überrascht, wie gut hier alles organisiert ist.

Tagesablauf, der 10 Yuan-Schein, ein Wok

Jetzt möchte noch eine Anekdote vom Sonntag nachtragen, das ich leider nicht mehr am Tag selber niederschreiben konnte. Die Tage sind einfach viel zu schnell zu Ende. Ich bin zwar erst fünf Tage hier, aber schon jetzt hinke ich mit den Berichten hinterher. Jedenfalls kann man sich über deutsche Freiwillige, die als Touristen unterwegs sind schon auch sehr wundern. Besonders wenn sie Philipp und Arian heißen. Am Sonntag Nachmittag stolperten wir in einem Buchladen mitten in Yangzhou, wo auch sonst…, über einen 10 Yuan Schein (ca. 1,70€), der dort einfach auf dem Boden lag. Wir ließen ihn erst mal liegen. Im Westen würde ein Schein keine Minute liegen bleiben. Hier aber schienen die Chinesen den Schein, der wirklich mehr als offensichtlich mitten in einem breiten Mittelgang lag, einfach nicht zu sehen. Arian und ich standen nun vor einer äußerst schwierigen Entscheidung. Darf man diese zehn Yuan nun aufheben oder nicht? Aus dem Bauch heraus natürlich. Aber wir dachten uns: Eigentlich kann ein Chinese die zehn Yuan besser gebrauchen, als wir Touristen. Für uns spielt ja ein Schein mehr oder weniger kaum eine Rolle. Auch sollte allein schon deshalb ein Chinese den Schein aufheben, weil ihn höchstwahrscheinlich auch ein Chinese verloren hatte. Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, außer uns, noch andere Touristen in Yangzhou anzutreffen. Noch dazu in einem chinesischen Buchladen. Wenn aber Chinesen glauben, dass es Unglück bringt, Geld vom Boden aufzuheben oder generell nichts vom Boden aufheben, weil, wie Fritzchen schon gelernt hat: „Was auf dem Boden liegt, darf man nicht aufheben.“, wäre es auf jeden Fall sehr schade, den Schein nicht aufzuheben. Während wir uns den Kopf zerbrachen blieb der Schein jedenfalls unangetastet liegen. Schlussendlich entschieden wir uns nach gut einer Viertelstunde für einen Kompromiss. Wir hoben die 10 Yuan auf und legten stattdessen 5 Yuan hin, nur für den Fall, dass ein Chinese doch noch auf die Idee kommt, er könnte es gut brauchen.

der 10 Yuan-Schein, ein Wok, Markterlebnis

Yangzhou, 15.08.2012 Ortszeit: 14:04

Heute Vormittag bekamen wir eine kleine Einführung in das Kochen mit einem Wok und die chinesische Küche. Hinter beidem steckt weniger, als ich immer dachte. Alles, was man für einen Wok braucht, ist irgendetwas Kleingeschnittenes, ca. zwei Löffel Öl und manchmal noch etwas Wasser. Der Kochvorgang ist denkbar einfach und immer der Selbe: Schnipsel deine Zutaten klein, gib zwei Löffel Öl in den Wok, schmeiße das Zerschnipselte rein, lass es braten, oder gib zum Köcheln noch Wasser dazu und warte gut zehn Minuten. Das kann man mit so ziemlich allem machen: Fleisch, Fisch, Tofu, Eier, jegliches Gemüse und was einem sonst noch so einfällt. Kennt ihr dieYoutube-Kochlektionen von Joe Waschl? Der Kochkurs hatte mit diesen große Ähnlichkeiten. Nun noch zur chinesischen Küche: Ein Essen besteht so gut wie immer aus Reis oder Nudeln mit Hühnerfleisch, Schweinefleisch, Tofu, Ei und verschiedenem, mal mehr mal weniger essbaren, Gemüse dazu. Manchmal noch Fisch. An sich klingt das ziemlich gut und schmeckt auch, nur leider ist das alltägliche Nahrungsmittelangebot mit meiner Aufzählung auch schon ausgeschöpft und leider gibt es das ganze so gut wie jeden Tag morgens, mittags und abends. Natürlich werden die Sachen auf viele verschiedene Arten zubereitet und schmecken immer ein bisschen anders. Trotzdem bleibt Tofu Tofu, Reis Reis und das Hühnerfleisch schmeckt auch nach einer Woche immer noch nach Huhn. Ich denke ihr könnt verstehen, dass ich nicht mehr ganz so begeistert bin, wie direkt nach der Ankunft. Vielleicht liegt es auch daran, dass man immer alles zusammen ist. In Deutschland wäre wohl jede einzelne Komponente eine eigene Mahlzeit für sich.

ein Wok, Markterlebnis, erste Lehrerfahrung

Yangzhou 15.08.2012 Ortszeit: 18:39

Am Nachmittag habe ich meinen ersten Einkauf auf Chinesisch getätigt. Zusammen mit unseren Tutoren besuchten wir den lokalen Markt. Eine ganze Straße lang reiht sich rechts und links ein Stand an den anderen. Obst und Gemüse liegt meist in Säcken oder Folien auf dem Boden aus. Direkt daneben stapelt sich lebendiges Geflügel in engen Käfigen, die so niedrig sind, dass die Hühner darin nur liegen können. Das Fleisch ist auf Holzplatten ausgebreitet und der Fisch verbringt seine letzten Stunden in Plastikwannen. Einen Fischkauf durften wir sogar live miterleben. Der Verkäufer stand schon mit einem Messer bereit. Die Käuferin suchte sich einen Fisch aus. Der wurde gepackt und in eine Sperrholzkiste gelegt. Zwei Messerstiche drangen direkt in die Kiemen ein. Blut spritzte. Nochmal kurz in ein Becken getaucht, wanderte der Fisch dann in einer Plastiktüte über den Ladentisch. Wohl bekomm´s! Ich persönlich erwarb stolze vier Äpfel und drei Bananen. Da meine Sprachkenntnisse für das Handeln noch nicht ausreichen, musste ich etwas mehr zahlen, als Einheimische, aber nach dem Preis fragen zu können und sogar die Antwort zu verstehen, ist schon mal was.

Markterlebnis, erste Lehrerfahrung, Ausflug in den Park

Yangzhou, 16.08.2012 Ortszeit 22:00

Heute wurde ich das erste Mal so richtig gefordert. Meine Aufgabe war es 54 sehr kommunikative zwölf bis vierzehnjährige Schülerinnen und Schüler 50 Minuten lang für Chores (zu Deutsch Hausarbeiten) zu begeistern. Immerhin musste ich nicht alleine den Entertainer spielen, sondern durfte mich zusammen mit Esra, einer sehr fitten Freiwilligen, dieser Aufgabe stellen. Obwohl die Schüler schon seit sechs Jahren Englisch lernen ist ihr Englischlevel im Durchschnitt ziemlich niedrig und es braucht viel Zeit, ihnen neues beizubringen. Um eine einfache „Do you…?“ Question mit der Antwort „Yes I do/ No I dont´t.“ einzustudieren, mussten wir sechs Beispiele durchsprechen und anschließend im Chor wiederholen lassen. Nach einer dreimalig überdeutlich ausgesprochenen Arbeitsanweisung war ein drittel fähig, mit ihrem Partner einen kleinen Frage-Antwort Dialog zu schreiben. Geschätzte 40% benötigten erst noch eine individuelle Erklärung, bevor sie wussten, was zu tun ist. Die restlichen 30% hätten während der gesamten Aufgabe Hilfe gebraucht. Leider hat man bei so vielen Schülern nicht die Zeit, auf dieses letzte drittel Rücksicht zu nehmen. Sie gehen in der Masse einfach unter. Als die Schüler sechs neue Vokabeln in ihr Heft übernehmen sollten, fiel mir auf, wie sie in der letzten Reihe ein einzelnes Brillenglas durchreichten und vor ihr Auge hielten. Jetzt bemerkte ich es erst: Auch in der vorletzten Reihe hatten einige Probleme, den Tafelanschrieb zu lesen. Ein Mädchen setzte neben ihrer eigenen Brille noch die ihres Banknachbarn darüber auf, während Ich sogar von ganz hinten alles klar und deutlich lesen konnte. Es bleibt nur eine Schlussfolgerung: Viele Schüler, die eine Brille bräuchten, haben keine. Insgesamt hätte ich nie gedacht, dass Unterrichten so anstrengend ist. An alle Lehrer: Respekt, was ihr Jahr für Jahr, Tag ein Tag aus leistet! Mehr als zufrieden kann ich mit der Bewertung meiner ersten Stunde sein: „Excellent! For your first lesson you did a great job.“, waren die Worte der beobachtenden Englischlehrerin. Und das obwohl oder vielleicht gerade weil ich meine Unterrichtsnotizen kurz vor Stundenbeginn verloren hatte – Irgendwie typisch… – und also ohne Gedankenstütze auskommen musste.

Yangzhou, 18.08.2012 Ortszeit: 18:39

erste Lehrerfahrung, Ausflug in den Park, Kindergottesdienst

Heute Vormittag lud uns das College, auf dessen Campus wir wohnen, in die „Shugang-Slender West Lake Scenic Zone“ ein. Das ist eine, aus deutscher Sicht wohl eher große, für chinesische Verhältnisse aber doch eher kleine chinesische Gartenanlage mit einem See. Klingt idyllisch und hätte es auch sein können, wenn die Rahmenbedingungen andere gewesen wären. Zum einem war es unerträglich heiß und feucht. Nach nur eineinhalb Stunden im Park, waren wir komplett nass. Zum anderem, war das gesamte Gebiet mit chinesischen Wochenendtouristen überlaufen. Vor dem Eingang stand man erst mal Schlange, endlich drinnen glaubte man Teil einer Völkerwanderung zu sein. Wir trotteten auf dem Hauptweg immer der Masse nach. Der führte am Ufer eines langgezogenen Sees entlang. Hübsche Steingärten mit exotischen Sträuchern und Blumen wechselten sich mit Zierteichen ab. Ich fing gerade an, der Grünanlage doch noch etwas abzugewinnen, da stellte sich der erste von vielen Souvenirläden mit lauter kitschigen Plunder in den Weg. Kaum hatte ich mich an diesem vorbei gemogelt, kamen auch noch im regelmäßigen Abständen Gruppen entgegen, deren Führer mit Lautsprechern ihre Stimme verstärkten. Trotzdem gab ich nicht auf, doch noch ein ruhiges Plätzchen zu finden. Auf steinernen Brücken, mal mit, mal ohne Pagoden, konnte man über Inseln zum anderen Ufer gelangen. Dort zweigten vom Hauptweg viele kleinere Pfade ins grüne Dickicht ab. Diesen gefolgt, konnte ich doch noch ein bisschen Natur genießen. Vögel mit hellblauen Flügeln flogen hier von Ast zu Ast. In einem besonders glücklichen Moment gelang mir sogar eine Schmetterlings-Nahaufnahme.

Ausflug in den Park, Kindergottesdienst, zweite Lehrerfahrung

Yangzhou, 19.08.2012 Ortszeit: 15:17

Die örtliche Kirchengemeinde hatte uns Freiwillige heute eingeladen, den Kindergottesdienst zu gestalten. Teilgenommen haben gut zwanzig Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren und ein paar neugierige Eltern. Wie verbringt man eineinhalb Stunden mit Kindern, dessen Sprache man kaum spricht? Erstmal mit Singen. Wir lernten ihnen simple englische Lieder, zu denen sie Bewegungen machen konnten. Nachdem sie uns auch noch ihre Chinesischen vorgesungen hatten, wurde es dann herausfordernd. Die Erwachsenen wollten, dass wir uns mit ihren Kindern unterhalten. Eine super Idee, wenn man die Sprache des Gegenübers nicht beherrscht. So kam es, dass ein kleiner siebenjähriger Junge mit großen Augen einen großen Philipp musterte, der zwei Minuten lang einfach grinste. Ganz nach dem Motto „Lächeln und Winken Männer! Lächeln und Winken!“ Schließlich brachte ich ein: „Ni Hao! Wo jiao Philipp! Ni jiao ma?“ heraus. Immerhin erfreulich, dass der Junge mich verstanden hatte und antwortete. Noch besser wäre es gewesen, wenn auch ich ihn verstanden hätte, aber meine Kenntnisse reichten dafür nicht aus, sodass weitere fünf, sich hilflos angrinsende, Minuten vergingen, bis doch noch der rettende Geistesblitz kam: Ich legte meine beiden Handflächen aneinander. Er machte es mir nach. Wir berührten unsere Fingerspitzen und ich klatschte seine Hand ab. Dann nahm ich seine eine Handfläche und klatschte damit meine Verbleibende ab. Beim zweiten Mal klatschte er von ganz alleine meine Hand ab. Beim dritten mal zuckte ich weg und er lachte. Mein erstes Spiel, dass ich ganz ohne Worte erklärt habe. Im Anschluss an den Gottesdienst hatte ich Gelegenheit, mit dem Chinesen zu sprechen, der den Kindergottesdienst sonst immer macht. Ich fand heraus, dass von den 4,5 Millionen Yangzhou-Einwohnern etwa 2000 Christen sind und dass es im Stadtgebiet um die fünfzehn offiziell registrierte Kirchengebäude gibt.

Kindergottesdienst, zweite Lehrerfahrung, Wäschewaschen

Yangzhou, 22.08.2012 Ortszeit: 18:42

Meine zweite und letzte Übungsstunde war ein weiterer voller Erfolg. Dieses mal konnte ich ihnen zusammen mit David, einem Schweizer, wesentlich mehr beibringen als in meiner ersten Stunde. Sie lernten sämtliche Körperteile, einige Alltagskrankheiten und den Dialog „What´s the Matter?“, „Oh I got a cold. What should I do?“ , „You should take some medizine“. Sogar in verschiedenen Varianten. Überrascht war ich über den Lernfortschritt, den die Kinder insgesamt im Vergleich zur letzten Woche gemacht haben: Das Schreiben ging drei mal so schnell, als ich es von meiner ersten Stunde gewohnt war, beim Vorsprechen vor der Klasse waren die Schüler deutlich sicherer und ich musste die Arbeitsanweisungen nur noch zwei, statt drei mal Wiederholen. Dass wir am Ende zehn Minuten Zeit übrig hatten, ist also eine erfreuliche Sache. Mit einem kleinen Quiz konnten wir die übrig gebliebene Zeit auch noch problemlos füllen. Nun kann ich meinen letzten Tagen in Yangzhou ganz entspannt entgegen sehen.

zweite Lehrerfahrung, Wäschewaschen

Yangzhou 25.08.2012 Ortszeit: 14:00

Gerade sitze ich im Bus nach Nanjing. Block und Stift in der Hand. Kaum zu glauben, dass ich erst vor drei Wochen in China gelandet bin. Der Flug liegt gefühlt schon eine Ewigkeit zurück. So viel habe ich in der letzten Zeit erlebt. Und doch heißt es schon wieder Abschied nehmen, denn das „Amity Summer Training Programm“ ist zu Ende. Als erstes entließen wir die 54 Schüler. Alle zusammen gestalteten wir eine Spielstunde. Am Ende erhielt jedes Kind noch eine Teilnahme-Urkunde. Dann verabschiedete uns Icy, unsere Chinesischlehrerin. Wir dürfen sie immer kontaktieren, wenn wir Hilfe brauchen. Schließlich luden wir Brain, unseren Tutor, als Dankeschön zum Mittagessen ein. Mit den Lehrern von Amity, die uns mit Rat und Tat bei der Stundenplanung zur Seite standen, feierten wir gebührend mit einer Karaoke TV-Session. KTV ist in China sehr beliebt und wird überall angeboten. Wie funktioniert das ganze? Man mietet sich einen Raum, in dem über einen Beamer chinesisches Singstar läuft. Der Vorteil dabei: Man blamiert sich nur vor seinen eigenen Leuten und kann trotzdem auf eine riesige Liederauswahl zurückgreifen. Ausklingen ließen wir den Abend in einer Bar.

Neben den ganzen Abschieden versuchte ich am Freitag auch meine Wäsche zu waschen. Obwohl ich schon einmal gewaschen hatte, sollte es dieses mal ein gut zwölfstündiges Unterfangen werden. Damit die Wäsche bis zur Abreise heute auch wirklich noch trocknen konnte, schaltete ich noch vor dem Frühstück, also um 7:15 Uhr die Waschmaschine ein. Hätte ich dran gedacht, hätte ich meine Wäsche drei Stunden später aufhängen können. Mir viel es aber erst nach dem Mittagessen siedend heiß ein und erlebte dann die erste böse Überraschung. Die Waschmaschine hatte, wieso auch immer, das Schleuderprogramm ausgelassen und einen triefenden Kleiderklumpen hinterlassen. Nach einem langwierigen Abgleich der chinesischen Zeichen auf der Waschmaschine mit denen in der Chinesisch-Englischen Betriebsanleitung, hatte ich es zumindest in der Theorie geschafft, nur das Schleuderprogramm nochmal zu aktivieren. Praktisch ignorierte die Waschmaschine meine Einstellung aber und begann sich von neuem mit Wasser zu füllen. Leicht angenervt wechselte ich die Waschmaschine. Natürlich ein anderer Typus, dessen Studium wieder viel Zeit kostete, aber was lange währt wird fast gut. Zumindest schleuderte es. Bis zum Abendessen habe ich das Aufhängen wieder erfolgreich vergessen. Ziemlich über mich selbst ärgernd hastete ich in die Waschküche. Aber kaum das erste T-Shirt aus der Maschine gezogen, war klar: Die Wäsche würde heute nicht mehr trocken werden. Geschleudert waren meine Sachen zwar schon, dafür aber nicht mehr sauber. Rötlich, orange Roststreifen zogen sich über sämtliche Kleidungsstücke. Am Rande der Verzweiflung setzte ich alle meine Hoffnungen in die dritte Waschmaschine. Wenigstens die ließ mich nicht im Stich und vor dem KTV konnte ich endlich meine Wäsche aufhängen. Bis heute Mittag wurde sie auch gerade noch so trocken.

Nanjing: Ankunft, im Supermarkt, Yangtse-Überquerung, die Amity Foundation

Irgendwo über Südchina, 28.08.2012 Ortszeit: 11:00

Zu zehnt sitzen wir im Flieger nach Xi´an. Dort haben wir fünf Stunden Aufenthalt. Endgültig landen werden wir in Jiayuquan, das ist eine halbe Autostunde von Jiuquan entfernt. Das Wochenende haben wir in Nanjing verbracht. Dort besichtigten wir gestern eines der neunzehn Hauptquartiere von Amity. Es besteht aus zwei sehr modernen Neubauten. Im ersten gibt es einen Fitnessraum, ein Großraumbüro für gut zwanzig Leute, Konferenzzimmer und einen Andachtsraum. Im zweiten eine Mensa, Einzelbüros und einen Hörsaal. Darin bekamen wir einen Vortrag über die Arbeit der Amity Foundation. Hier Kurz die wichtigsten Infos zusammengefasst. Amity wurde als eine der ersten NGO´s Chinas 1985 gegründet, hat 140 Angestellte und rund 3000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Die Stiftung bildet Dorfärzte aus, sendet Englischlehrer in ländliche Gebiete, ermöglicht Bauern den Bau von Zisternen und Brunnenanlagen, bietet Mikrokredite, kümmert sich um körperlich benachteiligte Kinder und leistet Notfallhilfe in Krisensituationen. In Nanjing selbst gibt es die „Amity Bakery“. Dort arbeiten vor allem geistig behinderte Menschen. Der Besuch dieser war das Highlight des Tages, denn endlich durfte ich wieder echtes Brot und vor allem süßes Gebäck, wie Rosinenbrötchen und Schokoladenkuchen, schmecken. Ein kleines bisschen Wiesn-feeling bekam ich dank einer Breze, die mit den bayrischen locker mithalten konnte. Nachmittags bekamen wir eine Führung durch Chinas größte Bibeldruckerei, die „Amity Printing Corporation“. Finanziert wird sie von der „United Bible Association“ (UBS) der 147 Bibelgesellschaften aus 200 Ländern angehören. Mit der Gründung der Amity Foundation wurde auch der Bau dieser Druckerei beschlossen und die UBS spendete 100 Tonnen Bibelpapier sowie Druckequipment im Wert von sieben Millionen US-Dollar. 1978 lief die erste Bibel vom Band. Bis zum Jahr 2007 wurden insgesamt 50 Millionen Bibeln gedruckt. 2008 wechselte die Fabrik ihren Standort. Seither werden auf 85.000 Quadratmetern Fläche mithilfe von 600 Angestellten jährlich 18 Millionen Bibeln in 85 Sprachen gedruckt. Die Druckerei versorgt neben China und Asien noch Südafrika, Uganda und Kenia mit günstigen Bibeln. Die Produktionshalle selbst ist mindestens so beeindruckend wie diese Zahlen. Eine der schnellsten Fließbandfertigungen der Welt kann man hier bestaunen. Vom Druck selbst, über das zuschneiden, binden und Einband hinzufügen bis hin zur Verpackung in Kartons konnten wir jeden Arbeitsschritt mitverfolgen. Insgesamt braucht eine Bibel trotzdem eine ganze Woche bis sie ausgeliefert werden kann, da das Papier zwischendurch trocknen muss. Abends lud uns Amity, mal wieder zum Abschied, in ein exklusives vegetarisches Restaurant ein. Ich schwelgte in Sushi, Countrypotatoes, Tofu-Würstchen, einer riesigen Auswahl an gebratenem und frittierten Gemüse. Zum Nachtisch genoss ich Tiramisu, Eiskaffee und Bananensplitt. Ihr seht, ich wollte gar nicht mehr aufhören so lecker war alles. Nach einem gemeinsames Gruppenfoto hieß es zurück ins Hotel. Vor einem letzten gemeinsamen Bierchen unter uns Freiwilligen mussten schließlich noch die Sachen gepackt werden.

Hongkong, Nanjing, Yangzhou | Jiuquan 1 | Beijing | Jiuquan 2

Jiuquan 1: Wasserschaden, Matrazen, Lehreralltag, Kehrend im Supermarkt, zum Einschlafen, Chaos im Klassenzimmer, Second-Hand-Fahrräder, Tag der Lehrer, im Freizeitpark,im Tempel, Mittagessen, offizielles Trinkgelage, im Musikunterricht, Gastfreundschaft, Wie Mr. Liu versuchte, uns einen Bären aufzubinden, Gewalt an der Schule, ABC-Alarm, Das Auto, Beziehung zu Japan, das Hochzeitsbild

Jiuquan, 7.09.2012

Vor gut eineinhalb Wochen bin ich wohlbehalten in Jiuquan angekommen und habe seither wieder so einiges erlebt. Am Dienstag Abend wurden Arian und ich von Mr. Wang, einem Englischlehrer unserer Schule abgeholt. Mit dabei waren seine Frau und sein vierjähriger Sohn. Nach einem gemeinsamen Begrüßungsessen standen wir endlich vor unserer Wohnungstür. Der Schlüssel passte, das Schloss klickte und schließlich konnten wir eintreten, in unser neues Zuhause, zumindest für gut zehn Monate. Mein erster Gedanke: Riesig. Ich würde tippen, um die 110 Quadratmeter. Die Wohnungstür grenzt direkt an das Wohnzimmer, knapp 60 m^2. Rechts davon das Bad, ein Wäschetrockenraum und eine kleine Küche. Gegenüber von der Wohnungstür, also auf der anderen Seite des Wohnzimmers dann zwei Schlafzimmer, jeweils 18 m^2. Noch ist die Einrichtung ziemlich karg. Im Wohnzimmer steht eine Couch mit kleinem Tisch und einem roten Love-Puschelherz-Kissen, gegenüber ein Fernseher. Das Wäschezimmer ist leer, denn einen Wäscheständer konnten wir im Supermarkt bis jetzt nicht finden. In unseren Schlafzimmern befand sich bis vor kurzem lediglich ein windiger Kleiderschrank und ein Bett, mittlerweile ist noch ein Schreibtisch hinzugekommen. Die Küche ist mit einer Kochplatte, einer Spüle, einer Mikrowelle, einem Kühlschrank sowie den nötigsten Kochutensilien ausgestattet. Einzig und allein das Bad ist eher suboptimal gelöst: Das Waschbecken wackelt, denn es wurde ohne Verankerung an die Wand gestellt. Schläuche und Leitungen dorthin, zur Waschmaschine, zur Toilette und über einen Boiler zur Dusche sind an die Wand geschraubt. Den Boiler muss man ausstecken, wenn das Wasser heißt ist, da sonst das Kabel überhitzt. Duschkopf und Armatur sind einfach an die ungeflieste Wand geklebt. Ein Duschvorhang fehlt. Der Boden, ein einfacher Estrich, ist unsauber mit einer gemusterten Plastikfolie überklebt. In der Mitte dient ein Loch als Abfluss für Waschmaschine und Dusche. Die Waschmaschine schleudert mal wieder nicht. Somit müssen wir die Wäsche per Hand ausfringen, was ziemlich lästig ist. Passend dazu wartete das Bad in den ersten Tagen auch gleich mit einigen bösen Überraschungen auf. Keine halbe Stunde nachdem wir einen Tag nach unserer Ankunft die Waschmaschine ausprobiert hatten, klopfte es. Kaum die Tür geöffnet, redete der Nachbar von unten aufgebracht auf Arian und mich ein. Dass er uns sagen wollte, dass Wasser aus unserem Bad durch seine Decke tropft hatte ich durch seine Gestik schon fast vermutet. Ein Anruf bei Mr. Wang, der kurz mit dem Nachbarn sprach, brachte dann Gewissheit. Als wir Abends zum Basketballspielen – Wir dürfen in unserer Schule beim Sport einfach mitmachen – los wollten, winkte uns der Nachbar in sein sein Badezimmer. Dort tropfte es munter von der Decke runter. Ich hätte sehr gerne gesagt, dass uns das natürlich sehr leid tut, wir allerdings noch keine 24h Stunden in Jiuquan sind und selbst nicht besonders viel von unserem Badezimmer halten. Für mehr als ein „Bu hao.“ (Nicht gut) reichten unsere Sprachkenntnisse aber nicht aus. Mit dem anschließend hilflosen Lächeln wirkte das wohl eher ironisch. Zumindest kassierten wir einen grimmigen Blick, der uns veranlasste die Wohnung zu verlassen. Nach dem Sport trafen wir Mr. Wang, der meinte, dass wir das Badezimmer besser erst mal nicht mehr benutzen. „Aber morgen werde ich den Hausmeister anrufen.“, fügte er noch hinzu. Zurück zu Hause klebte an unserer Wohnungstür dann ein Zettel: „Don´t use Bathroom, thankyou!“ Zu freundlich, immerhin noch ein Dankeschön dazugeschrieben. Wir versuchten uns, so gut es ging, daran zu halten. Der Toilettengang ließ sich natürlich nicht vermeiden. Am nächsten Tag wurde uns das Wasser einfach abgedreht, sodass wir auch die Küchenspüle nicht mehr nutzen konnten. Wir riefen wieder bei Mr. Wang an. Er kümmere sich darum und melde sich wieder, war die Antwort. Der Rückruf, beinahe einen halben Tag später, wäre dann auch nicht mehr nötig gewesen. Dass die Handwerker an der Wasserleitung arbeiteten, war nicht zu überhören. Nach dem Basketballspielen, gegen halb acht abends hatten wir endlich wieder Wasser und konnten Duschen. Doch die Freude währte nur kurz. Ich war gerade dabei einzuschlafen, da kam Arian ironisch grinsend in mein Zimmer und meinte, dass die Duschleitung nicht mehr dicht ist und jetzt die ganze Zeit Wasser rauslaufe. Ich musste den Schaden selbst begutachten, sonst hätte ich es nicht geglaubt. Aber tatsächlich, an der Stelle, wo die Leitung an die Armatur angeschlossen ist, lief das Wasser nur so die Wand runter. Ich fragte mich, was in diesem Badezimmer eigentlich ordnungsgemäß funktioniert. Immerhin gab es unterhalb vom Waschbecken einen Haupthahn, den man zudrehen konnte. Das Bad war nun zum zweiten Mal nicht zu benutzen. Am Donnerstag Morgen schrieb ich wieder Mr. Wang eine SMS, dass wir zwar wieder Wasser haben, jetzt aber die Duschleitung leckt. Die Antwort, dass er jemanden vorbeischicken wird, kam erfreulich bald, leider ließ er offen wann. Erfahrungsgemäß, dachten wir, würde das sicherlich noch eine Weile dauern und machten uns zum Frühstück auf. Keine zehn Minuten später, kam natürlich der Anruf, wo wir denn gerade seien. Der Klempner komme nicht in die Wohnung. Also zurück zur Wohnung gesprintet. Nicht dass der einfach wieder geht, denn wer weiß, wann er das nächste mal Zeit hat. Zum Glück stand er noch da und eine halbe Stunde später war das Leck behoben. Jetzt ließ es sich in unserer Wohnung fast schon leben. Wobei, so richtig erst seit dem darauffolgendem Sonntag.

Wasserschaden, Matrazen, Lehreralltag

Der war ein richtiger Festtag, denn wir bekamen endlich Internet und, noch viel wichtiger, Matratzen. Bis dahin bestanden unsere Betten nur aus einem Holzkasten mit zwei dicken Bettdecken darüber. Keine Angst, die ersten Nächte mussten wir dennoch nicht auf hölzernem Untergrund schlafen, denn Not macht bekanntlich kreativ: Aus den Polstern unserer Wohnzimmercouch und den Decken bauten wir uns zumindest halbwegs weiche Betten. Da Matratzen für uns eigentlich überhaupt nicht vorgesehen waren, wurde es zur ersten diplomatischen Herausforderung, diese trotzdem zu bekommen: „Habt ihr gut geschlafen?“, fragte Mr. Wang am Mittwoch nach unserer Ankunft. „Oh ja, die Betten sind sehr groß, aber etwas hart…“, antworteten Arian und ich. „Hm…Wir haben die Betten extra für euch anfertigen lassen. Normalerweise sind sie um einiges kürzer.“ – kurzes Lachen – „Wirklich? Also vielen Dank dafür, aber wäre es vielleicht möglich Matratzen zu bekommen?“ – Stirnrunzeln bei Mr. Wang – „oder zumindest so etwas in der Art?“ „Matratzen… Okay, Ich werde die Schule anrufen, um eine Lösung zu finden.“ Anstatt allerdings die Schule anzurufen, beendete er das Matratzen-Thema elegant mit dem Vorschlag uns die Schule gleich heute zu zeigen. Kaum in der Schule angekommen, wurden wir von Mr. Wang aber sogleich an Mr. Chai übergeben, ein Biologielehrer und unser zweiter Ansprechpartner. Zum Glück fragte auch er nach unserer ersten Nacht, sodass wir die Matratzen nochmal ansprechen konnten. „Matratzen?“, antwortete er mit fragendem Blick. Er hatte also keine Ahnung, was ich meinte, aber ein Wörterbuch half weiter. „Ahja sicherlich… Wartet, Ich rufe Mr. Wang an.“ Der wird sich bestimmt gefreut haben. Kaum war uns los geworden, sollten wir ihn per Telefon wieder einholen. Aber immerhin, die Antwort wurde nun deutlich konkreter. Jetzt hieß es: „Zwei Lehrer werden wegen den Betten heute Nachmittag zu eurer Wohnung kommen.“ Fürs erste gaben wir uns damit zufrieden und tatsächlich klopfte es nachmittags an unserer Tür. Es traten die angekündigten zwei Männer ein, leider aber ohne Matratzen. Stattdessen hatten sie jeweils eine weitere Bettdecke unterm Arm. Eine Bettdecke mehr auf dem Holzkasten machte das ganze natürlich in keinster Weise weicher. Die Männer, beide ohne Englischkenntnisse interpretierten meine unglückliche Miene richtig: „Bu hao ma?“ (Nicht gut?), fragten sie. Wir antworteten nur „Bu hao.“ Es folgte ratloses rumstehen. Dann ein Telefongespräch und ein leicht genervter Mr. Wang tauchte auf: „Die Betten sind also immer noch zu hart?“, fragte er. „Ja, schon… eigentlich.“ „Vielleicht probiert ihr es mal aus?“. Ich setzte mich, jetzt ebenfalls genervt, auf das Bett und antwortete nur: „Nein, das tut mir leid, aber es ist immer noch zu hart für mich. Wir brauchen wirklich Matratzen, um gut schlafen zu können.“ Ich hoffte nun deutlich genug gesagt zu haben, dass wir das Jahr über sicher nicht auf Bettdecken schlafen werden. Um unseren Wunsch zu konkretisieren, zeigten wir ihnen unsere Couchpolster: „So etwas, nur in der Größe unserer Betten wäre sehr gut.“ – kurze Stille – „Ok, unsere Schule möchte, dass ihr euch hier in Jiuquan wohlfühlen könnt. Aber es wird eine Weile dauern, wegen der besonderen Größe eurer Betten. Ich hoffe, ihr könnt das verstehen.“, lenkte Mr. Wang endlich ein. „Sicherlich, das ist in Ordnung. Vielen Dank für die Bemühungen.“, antworteten Arian und Ich erleichtert. Dieses Ringen um Matratzen zeigte mir einen ersten gravierenden kulturellen Unterschied von der westlichen zur Chinesischen Kultur. Während Arian und Ich sehr direkt und konkret auf den Kopf zusagten was wir wollten, versuchte Mr. Wang den Konfliktpunkt möglichst zu umgehen. Im Amity Summer Programm wurde uns das mit einem Schaubild verdeutlicht: Es zeigt einen geraden Pfeil für den Westen und einen um die Mitte kreisenden spiralförmigen Pfeil für China. Mit letzterem umzugehen wird für mich nicht ganz einfach sein.

Matrazen, Lehreralltag, Kehrend im Supermarkt

Meine erste Unterrichtswoche

(Ich weiß, ich bin mittlerweile ziemlich in Verzug, aber einerseits habe ich momentan wieder nur in der Schule eine Internetverbindung, andererseits komme ich auch kaum mehr zum Schreiben. Trotzdem möchte ich keine meiner Erfahrungen einfach auslassen, weshalb das beschriebene beinahe schon zwei Wochen zurück liegt:)

Freitag 7.9.2012 Meine erste Unterrichtswoche

Noch keine Woche in Jiuquan war unsere Schonfrist auch schon abgelaufen. Am Montag hieß es eintauchen, in den chinesischen Schulalltag. Für Arian und mich bedeutet das, hauptsächlich mit einem Dauergrinsen durch die Gegend zu laufen. Bogen wir die ersten Tage in einen neuen Flur, rannten die Schüler, die uns zuerst erblickten, sofort in ihr Klassenzimmer, um sogleich wieder mit ihren Kameraden raus zu kommen. Saßen wir im Lehrerzimmer, drängten sich die Jugendlichen an der offenen Tür, nur um einen Blick auf uns zu erhaschen. Überquerten wir den Pausenhof, klebten die Schüler förmlich an den Fenstern ihrer Klassenzimmer. Und auch jetzt grinsen uns die Schüler noch an, winken uns zu oder rufen ein Hello how are you, wenn wir uns durch das Schulhaus bewegen. Werden dazu zum Stundenwechsel Lieder, wie „I´m Sailing“ oder „Country Roads“, eingespielt, kommt man sich wie ein kleiner Star vor. Von der eingespielten Musik anstatt eines Schulgongs bin ich ziemlich begeistert, denn man kann gar nicht anders, als fröhlich seinen Unterricht zu beginnen, genauso wie nach der Stunde jegliche Spannung von einem abfällt und von der Melodie förmlich fortgetragen wird.

Jetzt aber zum Unterrichten selbst. Die Begrüßung meiner Schüler läuft immer gleich ab. Ich rufe „Stand up, please“, die Klasse steht auf und antwortet: „Good Morning, Teacher!“. Daraufhin sage ich: „Good Morning Students. Sit down, please!“, worauf die Schüler sich mit einem „Thankyou!“ hinsetzen. Das klingt ziemlich streng, ist in China aber völlig normal. In der ersten Woche stellte ich mich danach kurz vor und wies sie an, sich aus einer Liste einen englischen Namen herauszusuchen und sich in der Namensliste einzutragen, damit ich die Schüler in Zukunft auch aufrufen kann. Mit einer anschließenden Partnerarbeit, in der sie Name, Alter, Hobbys etc. abfragen sollten, um sich vor der Klasse gegenseitig kurz vorstellen zu können, war die dreiviertel Stunde auch schon wieder vorbei.

Insgesamt unterrichte ich in der Woche jeweils einmal alle neun Klassen der Senior 1 Jahrgangsstufe. Das entspricht an sich der 10., von der Reife aber ungefähr der 7. und vom Englischniveau eher der 6. Klasse Gymnasium. Im Schnitt habe ich 35 bis 40 Schüler, denn Arian und ich unterrichten jeweils eine Klassenhälfte. Zusätzlich biete ich an vier Tagen für eine halbe Stunde eine Diskussionsrunde für Senior 2 Schüler an. Damit habe ich eine traumhafte 11 ½ Stundenwoche, die, deutsche Lehrer aufgepasst, auch der Stundenanzahl eines chinesischen Lehrer entspricht. Für die Schüler ist der Alltag hingegen alles andere als traumhaft: Sie haben täglich von 8:20 bis 12:00 Uhr vier und von 14:50 bis 18:00 Uhr sowie Abends von 20:00 bis 23:00 Uhr jeweils drei Unterrichtsstunden. Insgesamt haben sie also eine 50 Stundenwoche. Am Wochenende kommen dann nochmal vierzehn Stunden dazu. Die 2000 Schüler unserer Schule werden in 25 Klassen bei einer Klassenstärke von 80 von gut 110 Lehrern unterrichtet. Stellt sich natürlich die Frage, was diese vielen Lehrer den lieben langen Tag so machen, wenn sie nicht gerade eine ihrer wenigen Stunden halten. Die, einen zum Staunen bringende Antwort lautet: Sie hören Musik, schauen Filme oder chatten und spielen zusammen mit ihren Kollegen übers Internet. Wie das sein kann? In chinesischen Schulen gibt es von 8:30 Uhr bis 12:00 Uhr und von 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr Office-Zeiten zu denen man in der Schule sein muss. Nun gibt es in China kein gemeinsames Lehrerzimmer, sondern jede Fachschaft hat ein eigenes Zimmer für sich, in dem jeder Lehrer seinen eigenen Schreibtisch mit Internetanschluss hat. Ohne den würden die meisten Lehrer hier aus Langeweile eingehen, denn so beschäftigt, als dass man die Office-Zeiten sinnvoll füllen könnte, kann man beim besten Willen nicht sein. Am Montag Vormittag lernten wir beispielsweise Mr. Liu kennen, ebenfalls ein Englischlehrer. Als wir ihm auf seine Frage, was wir gerade machen, antworteten, dass wir unsere Stunde vorbereiten, lachte er und zog sein Englischbuch heraus: „Mal sehen, worüber ich meine nächste Stunde halten soll. Ah…ja, Sightseeing in London, ist ja interessant. Aber wie soll ich meinen Schülern denn etwas über London beibringen, wenn ich noch nie da war? Das geht ja praktisch gar nicht. Nahja, ich könnte ihnen etwas über die Bilder hier erzählen, aber die können die Schüler ja auch selber anschauen…“. Mit einem ironischen Lachen wendete er sich wieder seinem PC zu, um weiter Tetris zu spielen. Und auch wenn wir bei Mr. Wang oder Mr. Chai im Office waren. Am PC war immer mindestens ein Chatfenster, meistens sogar noch ein Onlinespiel geöffnet. Arian und ich hatten wenig Lust ein solches Lehrerzimmerdasein zu führen, weshalb wir die Office-Zeiten Office-Zeiten sein ließen.

Lehreralltag, Kehrend im Supermarkt, zum Einschlafen

Was wir die erste Woche stattdessen machten? Montag Nachmittag rüsteten wir unseren Haushalt auf. Eingekauft wurden Wasser, Mülleimer, Putzlappen, Spülmittel, Klopapier, Klobürste, Kleiderbürste, Schuhbürste, Schuhcreme, Bügeleisen, Bügelbrett und ein Handbesen. Letzteren galt es aus vielen verschiedenen auszuwählen, was mich veranlasste, mit allen der Reihe nach Probe zu kehren. Das wiederum brachte eine besonders engagierte Angestellte dazu, auch Arian einige Besen in die Hand zu drücken, der ebenfalls munter zu kehren begann. Ihm folgte ein älterer Herr und auch die Angestellte fing an sämtliche Handbesen zu testen, sodass wir schließlich zu viert kehrend und besentauschend am Boden hockten. Ein Bild, dass an Komik kaum zu übertreffen war.

Kehrend im Supermarkt, zum Einschlafen, Chaos im Klassenzimmer

Am Dienstag konnten wir den Office-Zeiten nicht entkommen, denn vormittags hatte ich drei Stunden Unterricht und nachmittags trafen sich alle Englischlehrer. Die Besprechung war an sich ziemlich langweilig, denn die Fachschafts-Leiterin hielt einen chinesischen Monolog epischer Breite. Dank Mr. Liu, der eine Reihe hinter uns saß, konnten wir uns trotzdem amüsieren. Erst meinte er: „Das ist zwar schon sehr interessant, was da erzählt wird, aber das hier (Er zog sein Handy raus und begann Solitär zu spielen) ist noch viel interessanter.“ Dann legte er nach fünf Minuten sein Handy weg und schlief, den Kopf auf seine verschränkten Arme gestützt, ein. Wenn Arian ihn am Ende des Treffens nicht geweckt hätte, wäre er wohl schlafend zurück geblieben.

zum Einschlafen, Chaos im Klassenzimmer, Second-Hand-Fahrräder

Der Mittwoch hielt dann einige Überraschungen für uns bereit. Eigentlich wollten wir erst gegen zehn aufstehen, da wir nur eine einzige Stunde um viertel nach fünf gehabt hätten und sich bis jetzt keiner über unser Fehlen während den Office-Zeiten beschwert hatte. Leider klingelte mein Handy schon um neun. Ich blickte auf das Display, auf dem Mr. Wangs Name aufblinkte. Mangels einer kreativen Ausrede, wieso wir nicht in der Schule waren, drehte ich mich aber trotzdem wieder um und ließ das Handy einfach weiter läuten. Schließlich kann man auch nicht immer und überall erreichbar sein. Es dauerte keine zwei Minuten, da kam Arian in mein Zimmer: „Mich hat gerade eben Mr. Wang angerufen. Ich bin aber lieber mal nicht hingegangen.“ Ich antwortete nur grinsend: „Rate mal, wer mich vor zwei Minuten angerufen hat und was ich ebenfalls nicht gemacht habe.“. Wir entschieden uns, auch nicht zurückzurufen, sondern erst mal gemütlich frühstücken zu gehen. Während wir danach zur Schule schlenderten überlegten wir, wie wir Mr Wang überzeugen könnten, zu den Office-Zeiten nicht da sein zu müssen. Gegen zehn waren wir schließlich in unserem Lehrerzimmer, wo wir zwei gute Nachrichten und eine eher schlechte Nachricht erfuhren. Die erste gute war: Mr Wang hatte uns gar nicht wegen der Office-Zeiten angerufen. Die zweite gute war, wir hatten einen neuen Stundenplan bekommen, auf dem die Stunden mit den Senior 2 Schülern weggefallen waren. Die schlechte Nachricht war: Wir waren deshalb angerufen worden, weil der Stundenplan schon ab Mittwoch galt und wir bereits zur ersten Stunde hätten unterrichten sollen. Mr. Wang kam auch gleich ins Zimmer und fragte uns vorwurfsvoll wo wir denn gewesen seien. Die Schüler hätten uns nicht finden und er uns nicht erreichen können. Wir staunten ziemlich, denn über den neuen Stundenplan hätte man uns vielleicht auch etwas früher informieren können. „Ähm,…Wir wissen von dem neuen Stundenplan seit gut zehn Minuten.“ – „Ach so…hm, das ist natürlich schlecht. Aber die nächsten beiden Stunden müsst ihr halten. Das wisst ihr, oder?“ – „Das wäre ja schon in zehn Minuten.“ – „Ja genau.“– „Wir haben unsere Unterrichtsmaterialien aber in unserer Wohnung. Die zu holen dauert ungefähr zwanzig Minuten.“ – „Ja dann macht halt irgendetwas anderes mit den Schülern. Diskutiert mit ihnen über ein Thema. Ich muss jetzt leider auch selber los, denn ich habe ein Meeting.“ Und damit ließ uns Mr. Wang irritiert im Lehrerzimmer stehen. Arian und ich beschlossen, zumindest die erste Stunde gemeinsam zu halten. Zeit sich irgendetwas auszudenken blieb uns keine mehr, denn die Musik zum Stundenwechsel ertönte schon. Zum Glück hatte Arian die Listen mit den englischen Namen noch in seinem Klassenzimmer hängen. Die noch schnell geholt, schafften wir es gerade rechtzeitig in die Klasse. Mit Begrüßung, Vorstellung und Aufforderung, sich einen englischen Namen auszusuchen waren leider erst zehn Minuten gefüllt. Erfahrungsgemäß würden sich nach einer weiteren viertel Stunde alle Schüler in der Namensliste eingetragen haben. Blieben also noch zwanzig Minuten. Dieses Zeitloch sollte sich dann aber, wenn auch nicht zu meiner Zufriedenheit, ganz von alleine füllen. Noch während die einen über den Namenslisten saßen, kamen ein paar Schüler zu Arian und mir und fragten, ob wir unseren Namen in ihr Schulheft schreiben könnten. Warum nicht, dachte ich mir. Solange noch nicht alle einen Namen hatten, kann man das ja machen und fing an das erste Heft zu signieren. Was für ein Fehler. Plötzlich schnappten sich 80 Schüler ihr Heft und drängten sich um uns, alle natürlich mit dem selben Wunsch: Könnt ihr eure Namen in mein Heft schreiben. Einmal angefangen, konnte man jetzt schlecht nein sagen. Ein Heft nach dem anderen wanderte an mir vorbei, während der Lautstärkepegel zunächst dem Graphen einer e-Funktion folgte, bis er schließlich ein Maximum erreichte, bei dem es uns bis zum Stundenende nicht mehr möglich war, das entstandene Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Auf die Frage einer Schülerin, ob es mir gefiele ein Star zu sein, dachte ich nur: Erstens bin ich dein Lehrer und kein Star, zweitens wäre es es mir viel lieber, wenn ich die Kontrolle über das Geschehen hier zurückgewinnen könnte. Wenigstens die Musik zum Stundenwechsel brachte die Schüler dazu, von uns abzulassen und sich wieder hinzusetzen. Die Klasse noch schnell verabschiedet, dann zum Kopierer gehetzt, um die Liste mit den englischen Namen zu kopieren und schon ging es weiter in die nächste Stunde. Die teilten wir nach der Begrüßung wieder auf und ich hatte soweit meine Routine wieder gewonnen, dass ich wenigstens diese Stunde mit den kopierten Namenslisten wie gewohnt und ohne Komplikationen halten konnte. Erleichtert verließ ich das Schulgelände. Der Pflichtteil war geschafft und ich hatte wieder was dazu gelernt: Versuche möglichst nicht planlos vor einer Klasse zu stehen, denn eine Sekunde nicht mitgedacht, hat man ein Chaos verursacht, über das man nur schwer die Oberhand behalten kann.

Chaos im Klassenzimmer, Second-Hand-Fahrräder, Tag der Lehrer

Am Donnerstag Vormittag erhielten wir dann nochmal einen neuen Stundenplan, auf dem die Diskussionsrunden mit den Senior 2 Schülern wieder drauf waren. Wenigstens galt der erst ab nächster Woche. Am Nachmittag wollten Arian und ich uns Fahrräder kaufen. Als wir Mr. Wang von unserem Plan erzählten, fragte er, was für ein Fahrrad wir uns denn vorgestellt hätten. „Ach, solange es einen Sattel, zwei Pedale und einen Lenker hat, sind wir völlig zufrieden.“, antwortete Arian. Darauf Mr. Wang: „Wenn euch also ein einfaches ausreicht, solltet ihr euch vielleicht Secondhand-Räder kaufen, die sind um einiges billiger.“ Wir waren von der Idee begeistert und ich fragte, wo man die hier kaufen könne. Über die Antwort lachen Arian und ich noch heute: „Ja ne, in Jiuquan gibt es keine Secondhandshops für Fahrräder. Aber ich gebe Mr. Chai bescheid, dass er euch zu einem Fahrradladen bringt, wo ihr euch neue kaufen könnt.“ Das nenne ich logisches Denken. Immerhin ging Mr. Chai tatsächlich mit uns zum Fahrradladen. Leider fingen schon die einfachsten Fahrräder ohne Gangschaltung bei 400/500 Yuan (ca. 60€) an. Zumindest drei Gänge hätten wir schon sehr gerne gehabt. Dafür hätten wir aber gut das doppelte zahlen müssen, was uns dann doch zu teuer war. Wir werden das Jahr ohne Fahrrad auskommen müssen.

Second-Hand-Fahrräder, Tag der Lehrer, im Freizeitpark

Montag, 10.09.2012

Unser zweites Wochenende in Jiuquan stand ganz im Zeichen des „Teachersday“. Das ist ein Feiertag, der in vielen Ländern der Welt die Tätigkeit des Lehrers würdigt. Schon seit Mitte der Woche überreichten Schüler ihren Lehrern aus Dankbarkeit und Anerkennung kleine Geschenke.

Auch wir wurden beschenkt; leider mit einem viel zu großen Gürtel aus Büffelleder. Am Freitag war an unserer Schule dann die offizielle „Teacher´s day“-Zeremonie. Gegen zwei Uhr nachmittags nahmen die 2000 Schüler auf ihren Schulhockern vor dem Mensagebäude platz. In der Mitte war das Schülermeer durch Polsterstühle unterbrochen. Diese waren für die 110 Lehrer unserer Schule gedacht, von denen aber knapp die Hälfte fehlte. Dafür hatten sich die Anwesenden mit Hemd/Bluse und Anzughose/Rock umso mehr in Schale geworfen. Gut 25 Lehrer hatten zusätzlich eine rot-goldenes Band umhängen. Direkt vor der Mensa standen drei Schüler um einen Fahnenmasten. Zwei hielten die noch nicht gehisste chinesische Flagge, der dritte die Schnur zum hochziehen. Hinter dem Masten, auf den breiten Stufen zur Mensa hinauf, thronte über allem das Direktorium (sieben Personen) unter einem roten, luftgefüllten, Gummitorbogen. Plötzlich erhoben sich alle und es erschallte die chinesische Nationalhymne durch die Schullautsprecher. Die zwei Fahnenhalter traten mit militärischen Gruß einen Schritt zurück, während der dritte die Flagge langsam in den strahlend blauen Himmel aufsteigen ließ. Es folgte ein Redeblock, den die unerbittlich vom Himmel herunter brennende Sonne wahrlich zur Qual werden ließ. Anschließend folgte die Würdigung besonders engagierter Lehrer, ein Schauspiel über das Arian und ich noch heute lachen können: Zunächst standen die 25 Lehrer mit dem rot-goldenen Band auf und stellten sich zu einem stehenden Schülerblock rechts von der Mensa. Dann zündeten auf der linken Seite der Mensa vier Schüler Konfetti-Kanonen. Leider verpassten sie den Beginn der einsetzenden Marschmusik, sodass der Konfettiregen etwas verloren wirkte. Von der rechten Seite liefen nun im Gänsemarsch, passend zur Musik, acht Schülerinnen ein, die jeweils einen, noch im Originalkarton verpackten, Hochdruckreiniger trugen. Als alle jeweils auf der Höhe eines Direktoriumsmitglieds standen, drehten sie sich nach kurzem Stillstehen um neunzig Grad und schritten synchron die Stufen hoch. Oben angekommen überreichten sie die Kartons, traten einen Schritt zurück, verbeugten sich und vollzogen eine Vierteldrehung nach links. Nach kurzem Stillstehen traten sie, wieder im Marschschritt, zur linken Seite ab. Sogleich liefen von rechts die ersten acht der fünfundzwanzig zu würdigenden Lehrkräfte in gleicher Schrittfolge ein, um die Hochdruckreiniger entgegen zu nehmen. Diese Prozedur zusammen mit der musikalischen Untermalung und der Tatsache, dass die Schüler den Direktoren die Geschenke brachten, damit diese sie an die Lehrer übergeben konnten, war an sich schon amüsant. Als nun aber die Lehrkräfte unter Applaus ihre Hochdruckreiniger der Kamera entgegenstreckten, als wären sie mit einem Nobelpreis oder der Olympiagoldmedaille ausgezeichnet worden, fühlte ich mich endgültig als Zuschauer einer riesengroßen Kommödie. Ich musste sogleich an Loriots Rede zur Verleihung des goldenen Möbelwagens denken. Neben Hochdruckreinigern wurden die nächsten Male auch Waffeleisen überreicht. Zwar verliehen diese dem ganzen nicht unbedingt einen ernsthafteren Charakter, trotzdem muss ich Arian recht geben: Waffeleisen erscheinen noch um einiges sinnvoller als Hochdruckreiniger, denn man muss bedenken: Die Leute leben in der Regel mitten in der Stadt in einer kleinen Wohnung, wo ein Hochdruckreiniger sicherlich Verwendung findet. Im Anschluss an die Verleihung folgten Gesangs-/ Tanz-/ und Instrumentaleinlagen der Schüler. Auch wenn es hin und wieder an Taktgefühl und synchronen Bewegungen mangelte, war die Leistung der relativ jungen Schüler/innen durchaus beeindruckend. Nach zweieinhalb Stunden machten sich die Schüler ungewohnt ausgelassen auf den Nachhauseweg. Sie feierten den Beginn eines ihrer wenigen freien Wochenenden.

Tag der Lehrer, im Freizeitpark,im Tempel

Am Samstag trafen wir uns schon um 9:00 Uhr mit Mr. Chai, denn er wollte uns einen Park zeigen. Mit dabei waren noch zwei Senior 1 Schülerinnen, die gefragt hatten, ob sie mitkommen dürften. Nach etwa 10 km Taxifahrt standen wir vor einem gut fünf Meter hohen Plastiktor in der Form und Farbe eines verschlungenen Urwald-Baumes. Dahinter ging es zunächst durch ein kleines Waldstück, das aber bald in eine Beet-Anlage überging. Dank Tröpfchen-Bewässerung blühte es hier, auf der sonst rissig trockenen Erde, in roten orangen, gelben und violetten Farbtönen. Ich ärgerte mich gerade innerlich darüber, dass ich nicht bedacht hatte mir in der Hitze etwas zu trinken mitzunehmen, da drückten die beiden Schülerinnen Arian und mir zwei Eisteeflaschen, einen Apfel und eine Packung Milch in die Hand. Kaum hatten wir uns ausführlich bedankt überreichten sie jedem von uns zum Teachersday noch ein, auf Papier aufgeklebtes, getrocknetes, vierblättriges Kleeblatt. Ziemlich gerührt nahm ich das Geschenk entgegen und machte dabei gleich einen gravierenden Fehler. Geschenke werden in China immer mit zwei Händen überreicht und entgegen genommen, um seinem Gegenüber Respekt auszudrücken. Ich hatte es natürlich einfach mit einer Hand genommen. Nach kurzer Belehrung sagte Mr. Chai, dass sie uns gerne heute Mittag zu sich nach Hause einladen würden. Wir sagten natürlich zu, denn eine chinesische Wohnstätte kann man nicht alle Tage besichtigen. Wir schlenderten weiter einen kleinen Hügel hinauf, von dem man aus über das ganze, sonst flache, brachliegende und nur spärlich bewachsene Land schauen konnte. Weiter hinten waren die Hochhäuser Jiuquans zu erkennen und die Qilian-Shan Gebirgskette (die Berge reichen bis zu 6000 Meter hoch). Den Hügel hinunter wieder hinunter gelangten wir an einen kleinen Fluss mit einer Brücke, auf der wir einen Angler trafen, der so freundlich war ein Bild von uns Vieren zu machen. Auf der anderen Seite des Parks wechselten sich Schieß-/ und Dosenwurf-Stände mit Imbissbuden ab. Außerdem gab es ein Autoscooter, eine Drachenschaukel, ein Geisterhaus, ein Kettenkarussel und ein Freestyle ähnliches Fahrgeschäft. Ich war ziemlich überrascht, dass es hier auch so etwas gab. Wiesen-Stimmung kam trotzdem keine auf, denn auch hier trafen wir kaum Menschen. Stattdessen wirkte das ganze beinahe unheimlich beklemmend. Vor einer Hütte dümpelte einsam ein Fisch in einem halbvollen Aquarium. Direkt daneben lag auf einem Betonklotz ein blutverschmiertes Brett mit Messer darauf. Der Fisch konnte seinem Tod damit im wahrsten Sinne des Wortes in die Augen sehen. Schließlich standen wir wieder vor dem großen Plastikbaumtor.

im Freizeitpark,im Tempel, Mittagessen

Da es erst elf Uhr war, besichtigten wir anschließend noch ein buddhistisches Kloster, dass man zu Fuß erreichen konnte. Vor dem Kloster befand sich ein rießiger Parkplatz, auch der wieder komplett Menschenleer. An dessen Ende stand auf vier sechs Meter hohen Säulen eine geschwungenen Keramikpagode. Da der Klosterbau selbst erst gut 50 Meter dahinter anfing, wirkte es aber, wie in der Landschaft abgestellt und dann vergessen. Ins Kloster selber gelangte man durch eine kleine Holztür. Man konnte die Spiritualität direkt fühlen. Überall roch es nach Raucherstäbchen. Tempel mit geschwungenen Dächern in der Größe eines Einfamilienhauses wechselten sich mit Kräuter- und Rosenbeeten ab. In den Tempeln thronten drei, vier Meter hohe, goldene Buddhastatuen. Vor manchen kniete ein Mönch nieder, richtete sich auf und kniete wieder nieder. Außerdem waren an der Rückwand kleinere Statuen aufgestellt, die mit vielen Geldscheine gespickt waren. Die Mönche selber sahen aus, wie man es aus, ich dachte immer klischeehaften, Filmen kennt. Alt, klein, kahl rasiert und manche mit kurzem weißen Kinnbart. Sie trugen graubraune Kutten und hatten meist einen Stock bei sich. Wann immer wir an einer größeren Statue vorbeikamen verbeugte sich Mr. Chai, sodass wir ihn fragten, ob er ein Buddhist sei, was er sofort von sich wies. Die Verbeugung sei lediglich eine Sitte. Gleich darauf erfuhren wir, dass er und Mr. Wang Mitglieder der Partei sind. Das mussten wir erst einmal verdauen. Obwohl wir uns das zumindest bei Mr. Wang auch hätten denken können, denn er ist in unserer Schule ein höheres Tier, was ohne Parteimitgliedschaft in öffentlichen Institutionen kaum möglich wäre. Der Rückweg in die Stadt gestaltete sich etwas schwierig: Die anliegende Landstraße war kaum befahren. Wenn überhaupt brauste alle zwei Minuten ein LKW oder Traktor vorbei. Auf ein Taxi brauchten wir hier nicht zu hoffen. Müde setzten Arian und ich uns an den staubigen Straßenrand. Laufen war keine Option, denn dafür war Jiuquan zu weit weg. Nach einer dreiviertel Stunde sammelte uns der Onkel der einen Schülerin auf und brachte uns zu ihr nach Hause.

im Tempel, Mittagessen, offizielles Trinkgelage

Die Wohnung war zwar eineinhalb mal so groß, wie unsere, von der Zimmeraufteilung aber ähnlich. Wir wurden angewiesen uns auf die sehr große Wohnzimmercouch zu setzen. Gegenüber stand ein moderner LCD-Fernseher, der auch gleich angemacht wurde, denn Chinesen empfinden bei Besuch eine Geräuschkulisse im Hintergrund als angenehm, da es ihnen dann leichter fällt, ein Gespräch zu beginnen. Neben dem Fernseher stand eine Waschmaschine. Mr. Chai, Arian und ich saßen keine Minute auf der Couch, da brachten uns die beiden Schülerinnen Äpfel, Bananen, Trauben und selbstgemachte süße Baozi. Das sind in Wasserdampf gegarte Teigtaschen, die mit einem süßen (Azuki-)Bohnenmuß gefüllt sind. Stellt euch einfach Minidampfnudeln mit Pflaumenmus-Füllung vor. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis uns die Mutter zum Essen bat und einen Berg an Speisen aufzutischen begann, bei dem einen die Augen überquellen konnten. Es gab Tomate mit Ei, Spinat, Brokkoli/ Bohnen- und Algengemüse (richtig lecker!), gebratenen Tofu, Geschnetzeltes und einen riesigen Karpfen. Als Beilage wurde „mi fan“ (gedünsteter Reis), wie man ihn aus den China-Restaurants kennt, serviert. Arian und ich ließen es uns schmecken und erzählten mit Mr. Chai´s Hilfe von unseren Erlebnissen in China, der deutschen Küche und auf Nachfrage sogar vom deutschen Schulsystem. Nach eineinhalb Schüsseln Reis waren wir eigentlich beide satt. Arian ließ sein Essen stehen, wohingegen ich meine Schüssel brav aufessen wollte. Kaum war ich aber beinahe soweit, bemerkte die Mutter, dass fast nichts mehr in meiner Schüssel war und ehe ich mich versah packte sie mir nochmal einen Löffel Reis drauf, dazu noch Bohnen und Fleisch. Unglücklich blickte ich auf meine jetzt wieder bis zum Rand gefüllte Schüssel, während Arian schadenfroh in sich hinein grinste. Allerdings nur solange bis ich sagte, dass Arian gerne noch etwas von dem köstlichen Fisch hätte. Somit wurde auch Arians Schüssel wieder aufgefüllt. „Che, Che, Che“ (Esst nur, esst nur) forderte sie uns auf. Nun waren wenigstens wir beide im Zugzwang. Stück für Stück verschwand Fleisch und Fisch in unseren Mägen, die sich bald mehr als voll anfühlten. Arian sagte relativ bald, dass er wirklich satt sei. Ich glaubte immer noch meine Schüssel leer machen zu können. Sobald sie aber wieder zu dreiviertel leer war, hielt mir die Mutter den kompletten restlichen Fisch hin. Ich versuchte zweimal abzulehnen, beim dritten mal resignierte ich und füllte meine Schüssel nochmal auf, um noch zwei, drei Bissen zu essen bis wirklich nichts mehr ging. Seitdem versuche ich nie wieder meine Schüssel ganz aufzuessen, wenn wir irgendwo eingeladen sind. Gegen drei gingen, nein rollten wir eher nach Hause. Uns blieben ganze zwei Stunden zum Verdauen,…

Mittagessen, offizielles Trinkgelage, im Musikunterricht

denn um fünf wartete zum Teacher´s day ein Hotpot-Festessen, zusammen mit einigen Lehrern, auf uns. Das fand in einem relativ noblen Restaurant, in einem abgetrennten Raum statt, der an zwei runden Tischen für etwa zwanzig Leute platz bot. Obwohl wir uns gut eine viertel Stunde verspäteten, waren wir mit unter den ersten. Nach und nach füllte sich der Raum. Gegen sechs hatte auch die Schulleiterin dazu gefunden. Jetzt konnte es also endlich losgehen: Beim „Hotpot“ hat jeder eine eigene Kochplatte vor sich, auf der in einem Topf eine heiße Brühe vor sich hin köchelt. In der Mitte des Tisches befinden sich, auf einer Drehscheibe, zahlreiche verschiedene rohe Speißen, die man nach Belieben in seinen Hotpot wirft. Jeder kocht sich praktisch sein eigenes Essen. Das kam mir sehr gelegen, denn somit konnte ich selbst entscheiden, wie viel ich essen wollte, nämlich fast nichts. Mindestens so wichtig, wie das Essen, ist bei offiziellen Anlässen auch der Alkohol. In China ist es üblich, dass jeder einmal das Glas hebt, um mit allen anzustoßen. Nach jedem zu Prosten muss der Inhalt selbstverständlich in einem Zug geleert werden. Man dreht sein Glas danach sogar um, um zu zeigen, dass man auch wirklich alles getrunken hat. Bei zwanzig Personen mussten die anwesenden Männer also 20 Schnäpse trinken. Mr Chai wurde direkt dazu gezwungen. Man konnte ihm ansehen, wie er den Reissschnaps hinunter würgte. Arian und ich hingegen hatten Glück. Wir durften, wie die Frauen mit Pfirsich-Saft anstoßen. Schlecht war mir nach den zwanzig Gläsern trotzdem, denn der Saft bestand eigentlich nur aus Zucker. Ich fragte, auf wessen Rechnung hier eigentlich gesoffen wurde. Von der Antwort war ich überrascht: Die Schulleiterin sucht jedes Jahr einen Lehrer aus, der die Kosten des Essens zu tragen hat. Zwar steht er dann in der Gunst aller anderen Teilnehmer, trotzdem kostet ihn das höchstwahrscheinlich ein ganzes Monatsgehalt. Aber nicht nur Lehrer kommen für den Alkohol ihrer Kollegen auf. Auf der Toilette lernte Arian einen Englischlehrer der Eliteschule Jiuquans kennen. Er war zusammen mit vier anderen von Eltern eingeladen worden, die sich um einen Platz auf der Schule für ihr Kind bewarben. Unser Hotpot-Essen artete mit der Zeit in ein Saufgelage aus, das nicht mehr schön mit anzuschauen war. Als um halb neun schon die Lehrer mehr wankten als standen, verabschiedeten Arian und ich uns von der Gesellschaft. Zuhause erlebte ich, obwohl nüchtern, die zweitschlimmsten Magenkrämpfe meines Lebens. Das Fressgelage am Mittag, der Hotpot und der Pfirsichzuckersaft waren eindeutig zu viel für meinen Magen gewesen. Ich brauchte den ganzen Sonntag, um mich von diesen wieder zu erholen.

offizielles Trinkgelage, im Musikunterricht, Gastfreundschaft

Die Zeit bis zu den Herbstferien (11.Sept bis 29. Sept)

Neben den Senior 1 Schülern sollten Arian und ich in unserer zweiten Unterrichtswoche zum ersten Mal gemeinsam für eine halbe Stunde mit den jeweils zehn besten Senior 2 Students einer Klasse eine Diskussionsrunde abhalten. Allerdings kamen am Montag keine Schüler. Leicht irritiert suchten wir Mr. Wang auf, der sogleich kritisch nachfragte, ob wir nicht gerade unterrichten müssten. Wir erklärten ihm den Sachverhalt, worauf Mr. Wang drei, vier mal telefonierte und meinte, dass die Schüler in zehn Minuten da seien. Fünf Minuten vor Schluss kam immerhin knapp die Hälfte. Wir erklärten ihnen noch, dass sie nächste Woche pünktlich sein sollten, dann entließen wir sie auch schon wieder. Am Dienstag war die Klasse zwar vollzählig, dummerweise war kein Klassenzimmer frei, sodass wir diese Stunde ausfallen lassen mussten. Wieder im Büro von Mr. Wang, fragte er uns gleich, ob wir wieder keine Schüler hätten. „Doch doch, Schüler schon, nur leider keinen Raum.“ Er sah mich fragend an: „Wo ist also das Problem?“ Jetzt sah ich ihn fragend an und kam mir bei meiner folgenden Antwort fast schon blöd vor: „Naja, ohne Klassenzimmer ist es schon irgendwie schwierig zu unterrichten.“ Bei Mr. Wangs Antwort: „Achso, ja stimmt, dann müsst ihr heute nicht unterrichten!“ konnten Arian und ich kaum mehr Ernst bleiben. Am Mittwoch und Donnerstag kam immer nur gut ein Viertel der Schüler. Diese waren auch noch mehr als unmotiviert und drängten uns gerade dazu, den Unterricht möglichst schnell zu beenden. Das konnte ich aber absolut nachvollziehen, denn die Senior 2 Stunden waren doch tatsächlich in die Pause gelegt worden. Arian und ich waren darüber ziemlich unglücklich, weshalb wir nochmals Mr. Wang aufsuchten. Unserer Bitte, die Diskussionsrunden zu streichen kam er geradezu dankbar nach. Ihm war wohl auch nicht ganz wohl dabei, den Schülern ihre Pause zu nehmen. Im Gegenzug dafür schlugen wir vor, stattdessen ab November einen Theaterworkshop einzuführen, in dem wir mit ca. fünfzehn Schülern zweimal die Woche einzelne Szenen aus englischen Stücken nachspielen würden. Von dieser Idee war Mr. Wang so begeistert, dass er gleich ins Schwelgen kam, was man alles für Stücke spielen könnte. Ihr wundert euch, warum wir damit erst im November beginnen wollen? Das hängt damit zusammen, dass wir zu Beginn unserer dritten Unterrichtswoche auf eine Musiklehrerin gestoßen sind. Da ich schon seit längerem auf der Suche nach einem Klavier war, nutzten wir sogleich die Gelegenheit und fragten, ob wir die Musikräume nutzen dürften und wenn ja, zu welcher Zeit. Über unsere Anfrage freute sich die Lehrerin direkt: „Wenn ihr wollt, könnt ihr täglich jeden Tag zwischen neun und elf vorbeischauen.“ Das Angebot nahmen wir dankend an und versicherten ihr gleich heute vorbeizukommen. Um halb zehn kreuzten wir dann bei der Musikklasse auf und wurden von gut 25 Schülern freudig begrüßt. Sogleich begann einer nach dem anderen sein Instrument zum besten zu geben. Ich kam in den Genuss, einer Violine, einer Oboe, einem Saxophon, zwei chinesischen Saiteninstrumenten und einer Gitarre lauschen zu dürfen. Alle spielten beeindruckend gut. Auch ich kam nicht darum herum, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Schließlich wollte ich in Zukunft öfters zum Klavierspielen vorbeikommen. Dabei machte ich eine ergreifende Erfahrung: Das extreme Lampenfieber, was es mir in Deutschland unmöglich gemacht hatte, fehlerfrei vor anderen Leuten zu spielen, blieb einfach aus. Weil die Kinder sich allein schon riesig darüber freuten, dass wir einfach da waren, und es also gar nicht mehr darauf ankam, wie gut meine Leistung werden würde, konnte ich zum ersten mal ohne jeglichen Erwartungsdruck völlig entspannt vorspielen. Von dem Ergebnis war ich im mindesten so beeindruckt, wie alle anderen. Die Ärzte haben nicht ganz unrecht, wenn sie singen: „Du bist immer dann am besten, wenn´s dir eigentlich egal ist…“ Ich weiß, ich schweife ab, aber die Frage, warum wir den Theaterworkshop erst im November beginnen, klärt sich jetzt: Im Anschluss an die Vorspielrunde stellte sich uns ein Senior 3 Schüler vor, dessen Englisch besser ist, als das der meisten Lehrer hier. Sein Name ist Zhang Ting und im letzten Jahr hatte er mit unseren deutschen Vorgängern zusammen gekocht und gesungen. Sogleich fragte er uns, ob auch wir Lust hätten, zu singen? Wie immer offen für alles, sagten wir nicht nein und ehe wir uns versahen, drückte er uns die Noten für ein chinesisches Lied in die Hand, dass sie gerade im Chor singen. Ob wir dabei wären, bei dem Schulkonzert in einem Monat? Kaum hatten wir da zugesagt, kam noch ein englisches Lied mit dem Titel „you are my sunshine“ dazu. Arian und ich sollen es zusammen mit zwei Schülern singen. Dann fuhr Zhang Ting fort: „Natürlich ist es wichtig, dass wir viel üben. Deshalb müsstet ihr von jetzt an jeden Tag von 21:00 Uhr bis 23:00 Uhr mit uns proben. Vielleicht könntet ihr uns auch ein deutsches Lied lernen und selbst noch zu zweit eins singen, auf dem Konzert?“ Zhang Ting sah uns so erwartungsvoll an, dass man praktisch nicht ablehnen konnte. Wieder eingewilligt, schlug er vor, zusammen mit einem Freund, jeden Tag mit uns zu kochen, um im Anschluss das chinesische Lied zu üben. „Können wir uns gleich morgen um 12:00 vor der Schule treffen?“, fragte er noch. Wir ließen uns auch darauf ein, denn drei mal am Tag ins Restaurant zu gehen, wie wir es bis jetzt gehandhabt hatten, war keine dauerhafte Lösung und eine bessere Kochlernmöglichkeit gibt es praktisch nicht. Seitdem haben wir bis zum Konzert Anfang November einen straffen, beinahe lückenlos ausgeplanten Alltag: Je nach Unterrichtszeit stehen wir zwischen sieben und neun auf und gehen anschließend frühstücken. Ich esse immer einen Gemüße-Wrap mit einer richtig leckeren Soße, ein Ei, und Baozi, die Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse, Hackfleisch oder süßem Bohnenmuß. Dazu trinke ich eine gesüßte Sojamilch. Dann geht’s direkt zur Schule, wo wir bis zwölf in chinesisch unterrichtet werden und selbst unterrichten. Um zwölf treffen wir vor der Schule auf Zhang Ting und einem Freund von ihm. Zusammen gehen wir auf dem Markt einkaufen, um daraufhin erst zu kochen und dann bis dreiviertel drei zu singen. Nachdem Arian und ich den Abwasch gemacht haben, bleibt uns eine größere Pause, die ich zum Blog schreiben und chinesisch lernen nutze, während Arian meist einen Mittagsschlaf macht. Manchmal putzen, Waschen oder Bügeln wir auch in der Zeit. Zweimal die Woche besuchen wir ein Fitnessstudio. Gegen halb sechs/ sechs machen wir uns dann wieder auf, um für eineinhalb bis zwei Stunden Basketball zu spielen. Danach wird geduscht und in einem der näheren Restaurants zu Abend gegessen. Um 21:00 erscheinen wir dann in der Musikklasse, wo wir im Chor mitsingen, den Schülern das deutsche Lied „Freude schöner Götterfunken“ beibringen und für eine halbe Stunde noch entweder für uns alleine, manchmal aber auch zusammen Klavier und Gitarre spielen. Das kann Arian nämlich ein bisschen. Gegen halb elf/elf kommen wir dann nach Hause, wo noch ein bisschen Zeit für den Kontakt in die Heimat bleibt, bis ich gegen zwölf schließlich müde aber meistens zufrieden schlafen gehe. Ihr seht, ein Theaterworkshop ließe sich hier nur noch schwer unterbringen…

Zum Schluss will ich noch einzelne Erlebnisse schildern, die in keinen gemeinsamen Fließtext passen wollten:

im Musikunterricht, Gastfreundschaft, Wie Mr. Liu versuchte, uns einen Bären aufzubinden

Von der chinesischen Gastfreundschaft bin ich tief beeindruckt. Nahezu jeder, den wir irgendwo kennen gelernt haben, hat uns bald darauf zum Essen bei sich zu Hause eingeladen. Somit waren wir schon bei einer Musiklehrerin aus unserem Office, einem jungen Buchhalter, den wir im Fitnessstudio kennen gelernt hatten und einem Physiklehrer von einer anderen Schule, mit dem wir einmal Basketball gespielt hatten. Ein Autohändler, der uns beim Frühstücken angesprochen hatte, lud uns in ein Restaurant ein. Mit unseren nicht sonderlich guten chinesisch Kenntnissen, sind die Leute sehr geduldig. Ihr seht, überall werden wir warmherzig empfangen. Ich frage mich, ob man in Deutschland ebenfalls mit so vielen Einladungen und freundlichen Empfängen rechnen kann.

Gastfreundschaft, Wie Mr. Liu versuchte, uns einen Bären aufzubinden, Gewalt an der Schule

Eines Tages versuchte Mr. Liu doch tatsächlich, uns einen Bären aufzubinden. Er fragte plötzlich, ob wir zwei Computer bräuchten. Einen Drucker könnten wir auch bekommen. Wir müssten nur bei der Schulleiterin danach fragen. Mit einem Grinsen verließ er das Office. Um schlimmeres zu verhindern, denn Arian und ich hätten wohl tatsächlich die Schulleiterin aufgesucht, klärte uns eine Englischlehrerin sogleich auf: „Versucht es erst gar nicht. Drucker und Computer bekommen nur Mitglieder der Schulleitung.“ Arian und ich ließen das natürlich nicht auf uns sitzen. Als wir ihn das nächste mal trafen, erzählte Arian ihm freudig, dass wir bei der Schulleiterin waren und wir neben den Computern sogar drei Drucker bekämen, einen noch für ihn. Kaum hatte Arian das gesagt, schaute Mr. Liu ihn völlig entgeistert an: „Wie konntet ihr nur! Sowas kriegen doch nur die Leute von ganz oben! Und ich muss für die Aktion auch noch meinen Kopf hinhalten“ Als wir ihm aber versicherten, dass die Schulleiterin ganz freundlich zu uns war und wir sehr nett miteinander geplaudert hatten und in ein paar Tagen die Sachen da wären, schien er beruhigt, denn er bedankte sich sogar noch bei uns und ging fröhlich pfeifend aus dem Büro. Ein paar Tage später fragte er nach seinem Drucker. Er glaubt wirklich, dass wir als Ausländer die chinesische Schulwelt verändern könnten. Um ihn nicht zu sehr enttäuschen zu müssen, werden wir ihm demnächst einen Pappdrucker bauen und auf seinen Schreibtisch stellen.

Wie Mr. Liu versuchte, uns einen Bären aufzubinden, Gewalt an der Schule, ABC-Alarm

Leider habe ich auch schon die körperliche Züchtigung eines Schülers miterlebt. Ich wartete gerade zusammen mit Zhong Ting vor der Schule auf Arian, als sich plötzlich mehrere Lehrer um einen Schüler scharrten. Der hatte sich bis auf einen 3cm breiten streifen die Haare abrasieren lassen. „Das gibt Ärger!“, meinte Zhang Ting. Die vier Lehrer redeten zusammen mit seinen Eltern, die mittlerweile ebenfalls eingetroffen waren, wild gestikulierend auf den Schüler ein. Schließlich kam noch die Schulleiterin aus dem Schulgebäude, erblickte den Schüler, rannte auf ihn zu und schrie ihn in aller Öffentlichkeit zusammen. Gerade als ich dachte, dass sie sich wieder gefasst hatte, ging sie einen Schritt auf den, den Tränen nahen, Schüler zu und „batsch“, gab es die erste schallende Ohrfeige. Als der Schüler zurückweichen wollte, zog sie noch drei mal durch. Dann überließ sie ihren „Schützling“ seinen Eltern und zog, sich mit zwei Lehrern unterhaltend, von dannen, als wäre nichts gewesen.

Gewalt an der Schule, ABC-Alarm, Das Auto

Am 18. Oktober wurde ich gegen 9 Uhr von einer unerträglich lauten Sirene geweckt. Nach einer kurzen Aufwachphase registrierte ich, dass neben der Feuerwehrsirene auf unserem Nachbardach, sämtliche Sirenen der Stadt heulten. Arian kam sogleich in mein Zimmer und fragte, ob das nicht ein ABC-Alarm sein könnte. Ich musste sofort an das älteste Atomkraftwerk Chinas denken, dass nicht allzu weit weg von Jiuquan steht. Als wir zehn Minuten später keinen Strom mehr in unserer Wohnung hatten und die Sirenen noch immer nicht verstummt waren, erlebte ich eine Adrenalinausschüttung sondergleichen. Hektisch versuchten wir erst Mr. Chai, dann Mr. Wang zu erreichen, beide Male erfolglos. Dass die Leute draußen der Alarm nicht zu kümmern schien, beruhigte mich wenig. Erst mit der Nachricht von Mr. Wang, dass keine Gefahr droht, sondern lediglich an die japanische Invasion vom 18. Oktober 1931 erinnert wird, konnte ich wieder entspannen. Den ganzen Tag über sollte sich sich das Sirenen-Konzert noch im drei Stundentakt wiederholen. Dass der Strom ausgefallen war, muss ein Zufall gewesen sein.

ABC-Alarm, Das Auto, Beziehung zu Japan

An einem Nachmittag warteten wir vor einem Einkaufszentrum auf einen Chinesen, mit dem wir uns zum Fußballspielen verabredet hatten. Während wir da so saßen, hörten wir plötzlich zwei deutsche Wörter: „Das Auto“. Überrascht, suchten wir nach der Quelle. Es war ein LCD-Bildschirm, in der Fassade des Shoppingcenters, auf dem gerade ein Werbeclip von VW gezeigt worden war. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass sich VW diesen Werbeslogan tatsächlich leisten kann. Anhand meiner Beobachtungen in Yangzhou, Nanjing und Jiuquan würde ich tippen, dass deutlich über die Hälfte des chinesischen Automarktes von deutschen Marken abgedeckt wird. Davon wiederum sind wohl zwei drittel VW und ein drittel BMW, Audi und Mercedes. Man merkt deutlich, dass ein Auto in China ein wichtiges Statussymbol ist. Wenn man sich hier ein Auto leistet, dann muss es groß und teuer sein. Kleine, sparsame Stadtautos sucht man vergeblich. Allerdings ist das Benzin hier auch nur halb so teuer, wie in Deutschland.

Das Auto, Beziehung zu Japan, das Hochzeitsbild

Vor einigen Wochen kamen wir mit Zhang Ting auf den Inselkauf Japans zu sprechen. Sein Kommentar zu diesem Thema war erschreckend: „Sollte es demnächst einen Krieg mit Japan geben, werde ich, wenn es mir irgendwie möglich ist, daran teilnehmen, denn die Japaner sind sehr schlechte Menschen“. Zhang Ting ist mit seiner Ansicht leider nur ein Beispiel für viele. Der Hass auf Japan ist tief verwurzelt und wurde über die Großeltern und Eltern an ihre Kinder weitergegeben. Die Gräueltaten aus dem zweiten Weltkrieg sind längst nicht vergessen. Man ist davon überzeugt, dass sich Japan für diese nicht gebührend entschuldigt hat. Somit ist der Inselkauf ein hoch emotionales Thema. Kurz darauf lagen in der ganzen Stadt auch Flugblätter aus, die zum Warenboykott japanischer Güter aufriefen. Im Fernsehen laufen ständig Kriegsfilme, in denen japanische Soldaten das chinesische Volk niedermetzeln. Trotzdem ist es um dieses Thema mittlerweile wieder etwas ruhiger geworden.

Beziehung zu Japan, das Hochzeitsbild

Auf dem Weg zu unserer Schule laufen wir unter anderem an einem Hotel vorbei. Eines Tages stand vor dessen Eingang eine Hochzeitsgesellschaft. Das Brautpaar hatte sich gerade unter einem Blumentorbogen zum Hochzeitsfoto postiert, da winkte uns der Bräutigam zu sich. Ehe wir uns versahen, waren wir mit drauf auf dem Hochzeitsfoto. Wenigstens war der Photograph so freundlich mit meiner Digitalkamera auch ein Foto zu schießen.

Hongkong, Nanjing, Yangzhou | Jiuquan 1 | Beijing | Jiuquan 2

Beijing: die Anreise, der erste Eindruck, unsere Bleibe, Helen´s Cafe, knallharter Tourismus, die Sehenswürdigkeiten, die Abreise

Eine Woche Beijing (2. bis 9. Oktober)

Montag, 19:00 Uhr: Gerade liege ich gemütlich auf meiner Schlaf-Liege im Zug nach Beijing. Hier ist es ähnlich komfortabel, wie in der „City-Night-Line“ der deutschen Bahn, wobei ich für die 32 Stunden Zugfahrt nur 50 € zahle. Seit der Abfahrt gestern Vormittag um 11:00 Uhr rollte der Zug mit 80 bis 120 km/h zunächst durch eine atemberaubende Wüstenlandschaft. Ihr Profil glich einer in Falten gelegten Tischdecke. Kleine Grasbüschel überzogen die, sonst braun und ockerfarbene, Erde mit einem Fleckenmuster. Sonst gab es keine Vegetation. Am Horizont leuchteten schneeweiß die Berge; wohl zwischen vier und sechs tausend Meter hoch. Nach gut sechs Stunden wurde die Wüste schließlich von einer Steppen-ähnlichen Graslandschaft abgelöst, auf der Rinderherden weideten. Dornenbüsche und einzelne Baumgruppen prägten nun das sonst flache Landschaftsbild. Gegen 19:00 Uhr versank die Sonne als rot-goldene Scheibe am Horizont. Bis auf den klar und weiß leuchtenden Mond tauchte die Nacht alles in tiefschwarze Dunkelheit. Um 5:00 Uhr, als es langsam hell wurde, waren die ersten, der 66 Reisenden in meinem Wagon, wieder auf den Beinen und mussten sich derart laut unterhalten, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Draußen sah man nun Maisfelder soweit das Auge reichte. Gegen 10:00 erreichten wir Hohhot (knappe 500 Kilometer von Beijing entfernt). Dort vertrat ich mir am Bahnsteig kurz die Beine. Hinter Hohhot begann eine, mit einem Grasteppich überzogene, Hügellandschaft, über die sich kleine weiße Straßenbänder wanden. Hin und wieder flog ein Dorf am Fenster vorbei. Um diese herum bearbeiteten Bauern ihre Äcker mit Traktoren und Esels-Gespannen. Nach weiteren sechs Stunden wurden die grünen Hügel wieder ocker und braunfarben. Kurz vor Beijing wandelten sie sich in eine schroffe Gebirgslandschaft. Die Eisenbahnstrecke war hier direkt in den Fels geschlagen. Links lag ein gut 50 Meter tiefes Flusstal, rechts raste die steile Felswand an einem vorbei. Immer wieder verschwanden wir in einem Tunnel. Mittlerweile ist es schon fast wieder dunkel. Noch eine halbe Stunde, dann sollten wir in den Hauptbahnhof Beijings einfahren. Wenn ich nicht gerade gebannt aus dem Fenster schaute, unterhielt ich mich, so gut es ging, mit einer dreiköpfigen Familie, die mit mir das Abteil teilt und beschäftigte ich mich vor allem mit Essen. Das brachte einen Nachteil mit sich: Ich musste hin und wieder die Toilette aufsuchen. Öffentliche Toiletten sind in China nicht besonders angenehm, denn: Erstens bestehen diese aus einem ovalen Loch mit zwei Trittflächen recht und links davon. Zweitens begrüßt einen meistens die Hinterlassenschaft des Vorgängers, weil entweder die Klospülung zu schwach war oder seine Treffgenauigkeit zu wünschen übrig ließ. Drittens muss man das Klopapier selber mitnehmen, was vergesslichen Leuten zum Verhängnis werden kann…

die Anreise, der erste Eindruck, unsere Bleibe

Es ist voll. Wo man hinsieht Menschen über Menschen. Die Wege im Bahnhof sind gut 10 Meter breit und trotzdem mussten wir uns durch das Gedränge schieben. Der Vorplatz ist ziemlich groß und war ebenfalls übersät. Die Hauptstraßen sind zehnspurig und trotzdem überlastet. Ansonsten ist Beijing ein Meer aus Hochhäusern. Aber alles kein Wunder, wenn man bedenkt, dass allein im Stadtkern 15,5 Millionen Menschen leben. Zusammen mit den Außenbezirken steigt die Einwohnerzahl auf ein Viertel der deutschen Bevölkerung. Auch die U-Bahn zum Hostel war natürlich überfüllt.

der erste Eindruck, unsere Bleibe, Helen´s Cafe


Drei Stationen vom Hauptbahnhof entfernt, nicht weit vom Platz des himmlischen Friedens, befindet sich das „Far East International Youthhostel“. Die Lage ist ziemlich genial. Die Zimmer, Gemeinschaftsduschen und Waschküche sind einfach aber sauber. Der Flur zu den Zimmern ist mit Sprüchen und Bildern früherer Besucher bemalt. Auch trifft man garantiert auf andere Ausländer, wenn nicht sogar Deutsche.

unsere Bleibe, Helen´s Cafe, knallharter Tourismus

Helen´s Cafe: Das „Helen´s“ ist eine Bar, nicht weit von unserem Hostel, in der wir das Wiedersehen mit den anderen Freiwilligen aus Nanjing feierten. Das Besondere an dieser Bar: Chinesen werden hier zu Exoten, denn hier kommen ausschließlich Ausländer zusammen. Aus den Boxen dröhnten die vertrauten westlichen Partylieder und die Karte bot von Pizza, Pancakes, Tacos, Tomaten Mozzarella etc. über Cocktails bis hin zur Schischa, alles was man sonst aus der fernen Heimat sehnlichst vermissen könnte. Die Wände und Tische waren ähnlich wie im Youthhostel mit einem Sprachen und Farben-Wirrwarr gestaltet. Da Chinesen relativ früh ins Bett gehen, wurden wir um 1:30 Uhr mit den letzten rausgeschmissen. Uns blieben 4 ½ Stunden Schlaf, denn um 7:30 begann die erste von drei Touren, die wir über eine Reiseagentur gebucht hatten.

Helen´s Cafe, knallharter Tourismus, die Sehenswürdigkeiten

Unsere geführte Reisetour: Ein Freiwilliger aus Nanjing war so nett, und hatte, mit unserem Einverständnis, die Sightseeing-Planung übernommen und bei der Reiseagentur „Beijing-Tours“ drei Tagestouren gebucht. Die Agentur bestach mit einem scheinbar guten Programm und unschlagbar günstigen Preisen. Im Nachhinein muss ich leider sagen, hätte es sich gelohnt ein paar Yuan mehr zu zahlen, wenn nicht sogar auf eigene Faust loszuziehen. Zwar wurden wir mit einem Bus direkt vom Hostel abgeholt, verloren aber jedes Mal eineinhalb bis zwei Stunden im Beijinger Stadtverkehr, bis alle Tour-Teilnehmer eingesammelt waren. Außerdem hatte das Angebot einen Haken: Zwischen den einzelnen Sehenswürdigkeiten gab es kurze Zwischenstopps bei Seidenfabriken, Jade-Museen, Teehäusern oder Gesundheitszentren. Klingt einigermaßen spannend. Allesamt waren es aber überteuerte Kaufhäuser, zu denen die Ausländer Busse-weise gekarrt werden. Nach einer zehnminütigen Einführung über die jeweiligen Produkte, mussten wir dann vierzig Minuten im Laden verbringen, umringt von aufdringlichen Verkäuferinnen. Die Agentur bekam natürlich für jeden von uns eine Provision. Unser Führer war schon immer nicht besonders freundlich. Als wir uns aber am zweiten Tag einmal nicht an die vierzig Minuten hielten und auch kein Produkt gekauft hatten, wurde er richtig ungehalten und vergriff sich ziemlich im Ton. Daraufhin beschwerten wir uns bei der Agentur und baten für die letzte Tour um einen neuen Fremdenführer, den wir auch bekamen. Dieser erklärte uns, dass die Kaufhäuser keine Provision zahlen, wenn wir uns nicht an die vierzig Minuten halten. Für diesen Verlust wiederum muss die Agentur bzw. sogar der Führer selbst aufkommen. Das machte die Überreaktion des ersten Führers zumindest nachvollziehbar. Am Ende bat der zweite uns noch, unsere Beschwerde zurückzuziehen. Diese würde dazu führen, dass dem ersten Führer sein Gehalt für den nächsten Monat um die Hälfte gekürzt wird. Im Nachhinein tut es mir ziemlich leid, eine Agentur unterstützt zu haben, die ihre Angestellten bei höchstwahrscheinlich sehr niedrigem Gehalt, derart unter Druck setzt. Noch am selben Abend rief ich die Agentur an, um zu sagen, dass unsere Beschwerde von heute morgen ein Missverständnis gewesen sei. Die Dame am Telefon akzeptierte das. Bleibt nur zu hoffen, dass die Gehaltskürzung wirklich ausblieb. In Zukunft werde ich bei Reiseagenturen vorsichtig sein.

knallharter Tourismus, die Sehenswürdigkeiten, die Abreise

Die Sehenswürdigkeiten: Zu aller erst besichtigten wir die verbotene Stadt. Sie war im Mittelalter die Residenz des Kaisers. Das 35 Fußballfelder große Areal war über 500 Jahre lang dem normalen Bürger nicht zugänglich. Wer es trotzdem wagte, wurde enthauptet. Sehr viel mehr kann ich über die verbotene Stadt auch nicht sagen, denn die Informationen des ziemlich gestressten Touristenführers waren eher dürftig und gesehen habe ich vor allem mal wieder Menschen: 100.000 Besucher werden täglich durch die Anlage geschleust. Stupide folgten wir immer dem Strom der Masse nach und blieben kurz vor vier/fünf besonders bedeutenden Gebäuden stehen, um ein Foto zu machen. Während der Lonely Planet empfiehlt, einen ganzen Tag für die verbotene Stadt einzuplanen, verbrachten wir gerade mal zwei Stunden darin. Das reichte noch nicht einmal für einen groben Überblick über die ehemalige Stadt aus. Dann ging es weiter zum Himmelstempel, eine 267 Ha große Anlage, in der früher für eine gute Ernte gebetet wurde. Auch hier hätte man Vieles sehen können. Wir hatten nur Zeit für die Halle des Erntegebets, ein faszinierender Bau mit einem dreistufigen Dach, der auf einer dreistufigen Marmorterrasse steht. Beeindruckend auch deshalb, weil das Dach des 38 Meter hohen Bauwerks mit einem Umfang von 30 Metern nur von Holzpfeilern ohne Nägeln oder Zement gestützt wird. Zuletzt besichtigten wir am ersten Tag den kaiserlichen Sommerpalast. Auch diese Parkanlage war so groß, dass man gut einen halben Tag hätte darin verbringen müssen, um die vielen Tempel, Gärten, Pavillons, Seen und Wandelgänge alle anschauen zu können. Zumindest hatten wir die Zeit, bei rot-schimmernden Sonnenuntergang eine Bootsfahrt auf dem Kumming-See zu machen. Ein See, der etwa dreiviertel der Parkfläche einnimmt und im 18. Jahrhundert von 100.000 Arbeitern tiefer gegraben und vergrößert wurde. Den zweiten Tag verbrachten wir vor allem im Bus, denn wir besichtigten die Minggräber, welche 50 Kilometer nordwestlich von Beijing liegen. Die Ming-Dynastie regierte im Kaiserreich China vom 14. bis zum 17. Jahrhundert. In der Grabanlage wurden dreizehn der insgesamt achtzehn Kaiser begraben. Zeit hatten wir nur für das Grab des ersten Kaisers Yongle. Über ein Treppenhaus geht es ziemlich tief hinunter in seine Grabkammern. Diese haben ihren antiken Flair aber verloren: Verputzt und frisch gefliest, sowie mit Kabeln und von der Decke hängenden Lampen versehen wirken sie eher wie eine Bunkeranlage. Auch die rot-marmornen Sarkophage darin sehen nicht besonders alt aus. Danach fuhren wir, wieder beinahe zwei Stunden, weiter zur großen Mauer, welche gut 70 Kilometer von Beijing entfernt liegt. Dass wir aufgrund des dichten Verkehrs erst relativ spät die Mauer erreichten, war ein Glücksfall. So erlebten wir, übrigens am Tag der deutschen Einheit, einen bombastischen Sonnenuntergang auf der Mauer. Die dritte und letzte Tour begann mit einem Besuch im Zoo von Beijing, um Pandabären, die Nationaltiere Chinas, anzuschauen. Der Führer gewährte uns gerade mal eine viertel Stunde vor deren Gehege, dann führte er uns wieder zum Ausgang. Nach dem Zoo wurden wir zum tibetischen Lamakloster gefahren. Es ist Beijings bedeutendstes buddhistisches Kloster, und hat, ich zitiere zustimmend aus dem Lonely Planet, „herrliche Pagoden-Dächer, überwältigende Fresken, prachtvolle Ehrenbögen, Wandteppiche und (mehrere Meter hohe) Buddhastatuen zu bieten.“ Außerdem sah ich hier zum ersten mal, wie Nicht-Mönche vor Statuen und Opferfeuern innigst verharrten und sich verbeugten. Ich kann mir nicht helfen, aber als Christ wirkte es sehr befremdlich auf mich. Als letztes besichtigten wir die Hutongs. Umgeben von modernen Hochhäusern und Glas-/Betonkästen bilden die vielen engen und reizvoll verwinkelten Gassen die historische Altstadt Beijings. Mit Rikschas fuhren wir durch das Viertel durch und schauten dem Treiben der dort wohnenden Menschen zu. Hier konnten wir eine Auszeit vom sonst lauten, vollen und stressigen Beijing nehmen. Am Abend trafen wir uns mit Icy, meiner Chinesischlehrerin aus Yangzhou. Ihr Mann besitzt drei gehobene Restaurants in Beijing und so wurden wir in einem dieser zum Pekingenten-Essen eingeladen. Die Pekingente ist eine kulinarische Spezialität der Hauptstadt. Man tunkt das gegarte und in dünne Scheiben geschnittene Entenfleisch, zusammen mit Lauch-Zwiebeln, in eine spezielle Sauce und wickelt es dann in sehr dünne Pfannkuchen. Leider verpasste ich, wie der Koch die Ente am Tisch zerlegte, denn zu dritt waren wir an einen Taxifahrer geraten, der meinte, unsere Ortsunkenntnis ausnutzen zu müssen: Bevor er uns zum Restaurant brachte, fuhr er einmal im Kreis auf der Stadtautobahn. Nach dem Essen verabschiedete ich mich von den anderen, weil ich mich am Tag davor auf der Mauer sauber verkühlt hatte und nun mit Kopf- und Halsschmerzen kämpfte. Icys Mann war so freundlich, mich zum Hostel zurückzufahren. Am Freitag erwachte ich mit Fieber. Trotzdem wollte ich meinen letzten Tag in Beijing nicht verschenken. Da die anderen von Beijings Party-Meile erst um 4:00 Uhr heimgekommen war und noch tief und fest schliefen, machte ich mich alleine auf den Weg. Zunächst hatte ich mir das Hauptstadtmuseum herausgesucht. Das erst vor wenigen Jahren neu gebaute Museum zeigt antike Bronze-Buddhastatuen sowie faszinierende Porzellan und-Jade-Kunstwerke. Außerdem gab es eine Sonderausstellung über die Stadtgeschichte und das frühere Leben in den Hutongs. Mindestens so interessant wie das Museum selbst, war aber auch die Art und Weise, wie Chinesen das Museum besichtigten. Beziehungsweise eben nicht besichtigten, sondern in einer halben bis dreiviertel Stunde, das sich über vier Stockwerke erstreckende Museum geradezu durchliefen, hi und da ein Ausstellungsstück fotografierten und sämtliche Erläuterungen links liegen ließen. Es würde mich interessieren, wie viel ein durchschnittlicher Besucher danach über die gesehenen Sachen so zu sagen wüsste. Nach dem Museum fuhr ich mit der U-Bahn zum Platz des himmlischen Friedens. Um auf den größten öffentlichen Platz der Welt zu gelangen, muss man zuerst in einer Unterführung einen Sicherheitscheck passieren, bei dem Rucksäcke, Taschen, etc. durchleuchtet werden. Wer eine Flasche bei sich hat, muss witziger Weise vor den Augen eines Aufsehers einen Schluck daraus trinken. Dann kann man sich aber frei bewegen. Um den Platz zu überqueren braucht man eine ganze viertel Stunde. Ich verbrachte sogar gute eineinhalb Stunden damit, die ganze Umgebung auf mich wirken zu lassen. Vor allem genoss ich es, endlich einmal Zeit zu haben. An der kurzen Nordseite des rechteckigen Platzes steht das Tor des himmlischen Friedens, der Eingang zur Verbotenen Stadt und der Ort, von dem Mao Zedong aus am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China proklamierte. Deshalb hängt dort auch ein riesiges Portrait des „großen Vorsitzenden“, wie er auch genannt wird. Rechts und links davon steht in großen Schriftzeichen „Lang lebe die Volksrepublik China“ sowie „Lang lebe die Einheit der Völker der Welt“. Die langen West/Ost-Seiten werden von der Großen Halle des Volkes (dem Regierungsgebäude) und dem Chinesischen Nationalmuseum flankiert, zwei einschüchternde palastartige Betonquader im sozialistischen Stil. In der Mitte steht das Mao-Mausoleum, ein viereckiger Tempel, vor dem ein einsamer Polizist innerhalb der Absperrung den lieben langen Tag unter einem Sonnenschirm Ehrenwache halten darf. Was für ein ****** Job. Vor dem Mao-Mausoleum steht ein Kriegsdenkmal mit vielen Nationalfahnen darum und zwei gigantischen Videoleinwänden (zehn auf drei Meter) davor, die atemberaubende Landschaftsaufnahmen Chinas zeigen. Zusammen mit der musikalischen Untermalung der Bilder muss man praktisch davon überzeugt sein, dass China das beste Land der Welt ist. Ansonsten ist der Platz ein faszinierendes Wimmelbild. Touristen lassen sich fotografieren, Kinder hüpfen ungeduldig um ihre Eltern herum und Müllmänner sammeln fleißig auch das kleinste Plastik-Fizelchen auf. Durch das Getümmel bahnen sich Polizisten strammen Schrittes ihren Weg, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Inmitten der Pflaster-wüste entdeckte ich in einem Blumenbeet einen Schmetterling. Nachdem ich endlich genug gestaunt hatte, besuchte ich das Eisenbahnmuseum. Hier erfuhr ich unter anderem, dass sich das chinesische Schienennetz über eine Gesamtlänge von 91.000 Kilometern erstreckt und im Jahr 2010 1,7 Milliarden Passagiere sowie 3,6 Milliarden Tonnen von der Bahn transportiert worden sind. Zum Schluss meiner Beijing-Reise wollte ich noch eine Kirche aufsuchen. Die nächstgelegene war die katholische Michaelskirche. Einmal um die Mauer des Kirchengrundstücks herum gelaufen und wieder vor dem verschlossenen Tor angekommen, hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, in die gotische Kirche hineinzukommen. Da sah ich durch die Eisenstäbe des Tores hindurch eine Frau im Kirchgarten. Mit einem lauten „Entschuldigung“ konnte ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Misstrauisch näherte sie sich mir. In gebrochenem chinesisch, zusammen mit pantomimischen Gesten, machte ich ihr verständlich, dass ich gerne beten würde. Sogleich hellte sich ihre Miene auf und sie öffnete mir das Tor und die Kirche. Eine ganze halbe Stunde ließ sie mich im Kirchenschiff allein. Ich genoss die Stille. Als ich aus der Kirche heraustrat wartete ein, ich vermute Geistlicher, auf mich. Mit der Frage, aus welchem Land ich komme, begann er ein freundliches, wenn auch kurzes, Gespräch. Beeindruckt davon, dass mir der Glaube sogar hier in China, inmitten der großen anonymen Hauptstadt, einen Ort der Ruhe und eben diese Begegnung mit einem vermeintlichen Fremden geschenkt hatte, verabschiedete ich mich. Auf dem Weg zurück zum Hostel traf ich an einer U-Bahnstation auf einen Deutschen aus Kiel, der an seinem Stadtplan verzweifelte. Mit meinen Chinesischkenntnissen konnte ich aber für ihn nach dem Weg zu seinem Wunschziel fragen und ihm den Weg auf dem Stadtplan einzeichnen.

die Sehenswürdigkeiten, die Abreise

Die Abreise: …glich einem Höllentrip. Am Samstag bestiegen wir um 11:00 Uhr den Zug. Da wir uns zu spät um die Rückfahrtickets gekümmert hatten, sollten wir die 32 Stundenfahrt nicht im Liegewagen verbringen sondern in der normalen Sitzklasse. Die ist vergleichbar mit den alten Regionalzügen der deutschen Bahn. Allerdings werden zusätzlich zu den Sitzplatzkarten, genauso viele Stehplätze verkauft. Der Zug war also mehr als voll. Die ersten zwölf Stunden waren noch halbwegs angenehm. Mir gegenüber saß ein freundlicher junger Chinese mit dem ich mich gut unterhalten konnte und mein Fieber sowie die Halsschmerzen waren einigermaßen erträglich. Gegen halb elf begab sich meine Stimmung aber auf eine stetige Talfahrt. War ich zunächst froh darüber gewesen, am Gang zu sitzen, nervte es mich zunehmend, alle fünf Minuten von vorbeilaufenden Chinesen angerempelt zu werden. Kaum war ich kurz vorm weg dämmern, musste der nächste gegen meine Schulter oder mein Knie stoßen. Ich fragte mich, was denn dabei wäre, sich etwas rücksichtsvoller zu bewegen, aber für die meisten schien das nicht möglich zu sein. Um meine Aggression abzubauen, begann ich mir, für die rücksichtslosen Klo-Geher und Teewasser-Holer die schönsten Schimpfwörter auszudenken. Irgendwann war es mir dann tatsächlich gelungen, nicht nur die Rempler sondern auch das ununterbrochene Gequatsche um mich herum zu ignorieren und sitzend in einen leichten Schlummer zu verfallen. Leider musste bald darauf eine Servicemitarbeiterin ihren Imbisswagen durch den Wagon schieben und ihr Warenangebot durch den ganzen Wagon schreien. Ich starrte ihr, um meiner Aggression Ausdruck zu verleihen, grimmigst hinterher. Natürlich änderte das gar nichts. Als einen letzten Ausweg verstöpselte ich mich jetzt mit Musik, in der Hoffnung, so meine Umwelt ausblenden zu können. Das sollte mir auch für eine halbe Stunde gelingen, dann aber tippte mich energisch der Schaffner an, um meine Fahrkarte abzuknipsen. Ist ja nicht so, als wäre er schon zweimal vorbeigekommen. Während ich dem Schaffner freundlichst lächelnd den Fahrschein in die Hand drückte, spielte mein iPod passenderweise „ein bisschen Frieden“ von Rammstein. Vom Musikhören bekam ich bald zusätzlich zum Fieber und den Halsschmerzen Kopfschmerzen. Ich schaltete den iPod aus und sah mich damit wieder mit der Geräuschkulisse im Wagon konfrontiert. Ein letzter Versuch, die Situation zu ändern, scheiterte ebenfalls. Zusammen mit Arian machte ich mich auf den Weg in Richtung Liegeabteile. Vielleicht fand sich ja noch eine Freie. Weit sollten wir aber nicht kommen. Im Speisewagen trafen wir auf einen Koch, der sich breit in den Gang gestellt hatte. Müde blickte er uns an und meinte: „Hier geht´s für euch nicht weiter.“. Mehr beeindruckt von dem riesigen Küchenmesser, dass er gerade säuberte, als von seiner Aussage machten wir wieder kehrt und kassierten auf dem Rückweg jede Menge grimmige Blicke derer, die wir zuvor beim vorbeigehen aufgeweckt hatten. Zurück an unseren Plätzen legte sich Arian einfach auf den schmutzigen Boden unter die Sitze. Zugern wäre ich ihm gefolgt, leider war unter meinem Sitz Gepäck verstaut. In der nächsten halben Stunde versuchte ich irgendwie eine halbwegs bequeme Schlafposition zu finden, was mir nicht gelingen sollte. Schließlich ergab ich mich meinem Schicksal und wartete, mich zwischen Schlummer und Wachsein befindend, darauf, dass es hell wurde. Am nächsten Morgen war ich endlich so erschöpft, dass ich ohne größere Anstrengungen weg dösen konnte, wann ich wollte. Meine Wachphasen beschränkten sich aufs Essen, Trinken und den Gang auf die Toilette. Um 19:00 erreichten wir den Bahnhof von Qiuquan. Was für ein befreiendes Gefühl aus dem Zug zu steigen und endlich wieder frische Luft atmen zu können. Nach einer Schüssel Reis fiel ich immer noch sehr erschöpft aber aber glücklich, die Höllenfahrt überstanden zu haben, ins Bett.

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Jiuquan 2: Weihnachten, Alltag, unser bester Freund, Besuch von der Polizei, Ober sticht Unter, unter Beobachtung, Aufklärung, der kleine grüne Kaktus, Zivilcourage?!, Auf 4300 Metern Höhe, Fliegende Fische, Spring dich fit

Wo ist die Zeit nur geblieben, frage ich mich verwundert. Weihnachten ist herum. Das neue Jahr steht vor der Tür. Noch ein paar Tage mehr und ich werde für eineinhalb Monate auf einer 8.000 Kilometer langen Route quer durch China und Tibet reisen. Danach bleiben mir noch gute vier Monate in Jiuquan, bevor es auch schon wieder zurück in die Heimat geht. Viel zu schnell verfliegt die Zeit.

Ein ganz besonderes Weihnachten:

Nach dem die Welt doch nicht untergegangen ist, durfte ich dieses Jahr ein ganz besonderes und schönes Weihnachten erleben. Besonders, weil es erstens mein erstes Weihnachten ohne Familie war, zweitens ich es selbst vorbereitet hatte und mir drittens zum ersten mal bewusst wurde, was ich für ein gelungenes Weihnachtsfest brauche. Bei letzterem will ich ansetzten. Wichtig ist der Ort. In einer Umgebung, in der ich mich nicht wohlfühle, möchte ich kein Weihnachten verbringen. Wichtig ist der Rahmen. Erst Ablauf und Bräuche lassen einen Tag wie jeden anderen besonders werden. Der Gottesdienst, ein leckeres Essen, Geschichten und Lieder gehören für mich einfach dazu. Am wichtigsten aber sind Leute: Weihnachten wir dann zu Weihnachten, wenn ich diesen Tag mit Menschen teilen kann, mit denen ich mich verstehe. Alles drei sollte sich erfüllen: Eine Woche vorher trafen sich Arian, Susanne, Christina, auch zwei Freiwillige, und ich bei Mina, eine 67 jährige Irin, die für zwei Jahre in China unterrichtet, zum backen. Danach planten wir bei selbstgemachten Plätzchen, Bananenbrot und Glühwein unser Weihnachtsfest. Am 24. Dezember wollten wir Weihnachtslieder singen, in den Gottesdienst der evangelischen Kirche in Jiuquan gehen und danach ein leckeres Essen genießen. Wir entschieden uns für Fisch mit Karotten-, Tomaten-, und Kartoffelsalat. Für den Nachtisch boten die Mädchen an, einen Obstsalat zusammen mit deutschem Schokoladenpudding zu machen. Während Mina den Fisch übernahm, blieben für Arian und mich die Salate. Gefeiert werden sollte bei uns, zusammen mit allen Freiwilligen und unseren besten chinesischen Freunden. So gab es bis Weihnachten noch einiges zu tun. Wir brauchten einen entsprechend großen Tisch und Stühle dazu, mussten die Wohnung auf Vordermann bringen, unseren ein Meter hohen Plastik-Christbaum schmücken und besagte Salate für gut zehn Leute zubereiten und dafür natürlich auch die Zutaten einkaufen. Doch zunächst gaben wir uns ziemlich sehr lange mit dem ungefähren Plan zufrieden, ohne die Sachen auch zu erledigen und konzentrierten uns auf unseren Unterricht: Über zwei Unterrichtsstunden ließen wir unsere Schüler an Weihnachten teilhaben. In der ersten lasen wir zusammen die Weihnachtsgeschichte und sangen Jinglebells. In der zweiten brachten wir unseren Weihnachtsbaum, einen Adventskalender und ein großes Geschenk mit in die Klasse, erzählten ihnen, wie wir im Westen Weihnachten feiern, wichtelten mit vorher geschriebenen Weihnachtsgrüßen und verabschiedeten uns zum Schluss singend mit „We wish you a merry Christmas“. Am Mittwoch kam Arian´s Freundin aus Deutschland. Sie wird bis zum 3. Januar bei uns bleiben. Neben ihrer Person freuten wir uns auch über zwei rote Weihnachtsmützen, die sie uns mitgebracht hatte. Von nun an liefen durch Jiuquan zwei Weihnachtsmänner. Ob im Restaurant, im Fitnessstudio, in der Schule oder beim Einkaufen: Die Mützen waren immer dabei. Am Donnerstag wurden wir für Samstag zum Skifahren eingeladen. Natürlich sagten wir zu und beschlossen, dass es locker noch ausreiche, am Sonntag einzukaufen, aufzuräumen und zu schmücken und am heiligen Abend selbst, die Salate zu machen. Am Freitag konnten Arian und ich durch eine glückliche Fügung zumindest das Tischproblem in Ansätzen lösen: Im Fitnessstudio entdeckte ich zwei zwei auf einen Meter große Sperrholzplatten. Auf vier Schulpulte gelegt wäre das die beste Weihnachtstafel überhaupt. Wir fragten im Fitnessstudio, ob wir uns die Platten für die nächsten Tage ausleihen könnten. Die Mitarbeiter wussten zwar nicht, wem die Platten gehören, hatten aber selbst nichts einzuwenden. Wir zögerten nicht und nahmen die Platten mit nach Hause. Am Samstag verbrachten wir einen sehr kalten (minus 26°C!) Skifahrtag an einem nahezu neigungslosen Hang mit einem unglaublich langsamen Skilift. Immerhin hatten sie für mich passende Schuhe und Skier. Am Sonntag liefen die Weihnachtsvorbereitungen dann wirklich an. Mittags kauften wir zehn Kilo Kartoffeln, zwei Kilo Karotten und vier Kilo Tomaten. Dass damit bei den eingeplanten dreizehn Personen jeder zusätzlich zum Fisch 0,8 Kilo Salat hätte essen müssen, hatten wir irgendwie nicht bedacht. Nachmittags putzten wir unsere Wohnung und fragten die Schule, ob sie uns Stühle und Tische ausleihen könnte. Neben der Antwort, dass sie uns die Sachen rechtzeitig vorbeibringen würden, wurden wir für Montag Mittag zum Weihnachtsessen eingeladen. Abends bastelte Arian unseren Adventskranz fertig, um wenigstens am heiligen Abend alle vier Kerzen anzünden zu können, während ich unseren Weihnachtsbaum mit Glitzergirlanden schmückte. Bis es für uns ins Bett ging hatten wir einerseits eine saubere Wohnung, einen Weihnachtsbaum und einen Adventskranz andererseits immer noch keinen Tisch, keine Stühle und keine Salate. Die erste Hälfte des 24. Dezembers war deshalb auch alles andere als besinnlich: Um 9:00 Uhr bei Susanne und Christina eine weitere Kochplatte geholt, schälten, kochten und schnitten wir ab halb zehn Berge von Kartoffeln, Tomaten und Karotten. Die Tomaten alle geschält und geschnitten fiel mir auf, dass wir die Zwiebeln vergessen hatten. Also schnell nochmal zum Markt und drei Kilo Zwiebeln, ich dachte lieber zu viel als zu wenig, gekauft. Als Arian und ich um 12:00 Uhr von Mr. Wang zum Weihnachtsessen abgeholt wurden, war erst die Hälfte der Kartoffeln gekocht und die Schule hatte immer noch keine Tische und Stühle gebracht. Arian´s Freundin hielt tapfer die Stellung, während wir die nächsten zwei Stunden in einem noblen Restaurant verbrachten. An sich ist so ein Weihnachtsessen eine schöne Geste, im Angesicht der nicht erledigten Arbeit kostete es aber einiges an Nerven, möglichst entspannt zu wirken. Um 14:00 Uhr hatten sich endlich alle anwesenden Lehrer satt gegessen. Blieben noch eineinhalb Stunden bis ich Mina mit dem Fisch abholen sollte und zwei Stunden bis die ersten Gäste eintreffen würden. Bei der Verabschiedung wurde uns gesagt, dass die Stühle und Tische vielleicht am späten Nachmittag gebracht werden können. Das war zu spät und zu unsicher. Wir hetzten zur Schule, um zumindest die Pulte für den Tisch selbst nach Hause zu tragen. Leider ließ sich das Schloss zu unserem Klassenraum nicht öffnen. Es dauerte, bis wir einen Schüler fanden, der für uns durchs Fenster über der Klassenzimmertür kletterte und die Tür von innen öffnete. Jeder zwei Pulte unter den Arm geklemmt, hasteten wir in zehn Minuten zurück nach Hause. Um 15:00 Uhr stand der Tisch. Es blieben dreißig Minuten, um zehn Kilo gekochte Kartoffeln klein zu schneiden und drei Salatsoßen fertig zu stellen. Fast hätten wir es geschafft, wäre uns für den Kartoffelsalat nicht die Mayonnaise ausgegangen. Hätte ich lieber mal nur ein Kilo Zwiebeln und dafür aber drei Gläser Mayonnaise gekauft. Während ich zu Mina fuhr, rannte Arian zum Supermarkt. Stühle gab es immer noch keine. Um vier Uhr war ich mit Mina wieder zurück. Arian hatte in der Zwischenzeit nicht nur die Mayonnaise sondern auch die Stühle selbst aus der Schule geholt. Während ich den Kartoffelsalat fertig machte, kamen nach und nach unsere Gäste. Um 16:30 Uhr mischte ich die letzte Salatschüssel. Mit einem mal viel die, über den ganzen Tag angesammelte, Anspannung ab. Wir hatten es tatsächlich noch geschafft! Die nächsten eineinhalb Stunden saßen wir zu siebt bei selbstgemachten Glühwein zusammen und übten „Silent Night“. Die Kirche hatte über einen unserer Schüler fragen lassen, ob wir nicht ein englisches Weihnachtslied im Gottesdienst singen könnten. Am Ende konnten wir es sogar dreistimmig. Gegen sechs machten wir uns auf in die Kirche, um noch einen guten Platz zu bekommen. Dort stießen die restlichen Gäste zu uns. Bis halb acht hatten in dem großen Kirchenschiff gut 700 Leute Platz genommen. Der Altarraum war zur Bühne umfunktioniert worden. Eine Blaskapelle lief ein und eröffnete den Gottesdienst. Nach der Begrüßung folgte ein buntes Programm: Kinder präsentierten ein Singspiel, Jugendliche einen modernen Hiphop Tanz und ein Erwachsenenchor sang Weihnachtslieder. Um kurz vor neun durften wir auf die Bühne. Danach folgte ein Krippenspiel. Die Predigt hielt die Gemeinde leitende Pfarrerin. Nach Gebet, Fürbitten und Segen spielte nochmal die Blaskapelle. Um 22:00 Uhr war der Gottesdienst zu Ende. Bis halb elf hatten alle zu uns nach Hause gefunden. Wir waren eine Runde von zwölf Leuten, drei Chinesen, eine Irin und acht Deutsche. Der Fisch und die Salate waren ausgezeichnet. Es gab sogar eine Geschenkrunde. Ich bekam von dem einen Chinesen einen, von seiner Mutter, gestrickten Schal. Ausklingen ließen wir den Abend mit Obstsalat, Pudding, selbstgebackenen Plätzchen, Keksen und Milka-Schokolade aus der Heimat. Um halb drei verabschiedeten sich die letzten. Um 3:00 Uhr skypte ich noch für eine halbe Stunde ins heimatliche Wohnzimmer, bevor ich nach einem sehr langen, sicherlich unvergesslichen, Festtag einschlief.

Weihnachten, Alltag, unser bester Freund

Mein Alltag in den letzten drei Monaten:

Dass meine Blog-Berichte nur bis Anfang Oktober reichen, ist eine Schande. Doch Zeit zum Schreiben suche ich jeden Tag verzweifelt aufs neue und werde immer seltener zum glücklichen Finder. Bei meiner vierzehn Stundenwoche klingt das nicht besonders glaubwürdig, doch unser Alltag ist nach wie vor mehr als gut gefüllt. Nachfolgend eine kurze Beschreibung, was wir zurzeit tagtäglich so treiben: Aufgestanden wird zwischen 7:00 und 9:00 Uhr. Zum Frühstück gibt´s nicht mehr als einen Apfel. Danach bleibt mir ein bisschen Zeit, die ich theoretisch zum Blog schreiben nutzen könnte, wenn ich sie nicht für Putzen, Waschen, Aufräumen oder Emails „verschwenden“ müsste. Zwischen 8:00 Uhr und 11:00 Uhr, je nach Unterrichtszeit, machen wir uns auf den Weg zur Schule. Unterwegs hohle ich mir einen Wrap auf die Hand. Um 12:00 Uhr strömen wir mit allen Schülern zusammen wieder aus dem Schulgebäude. Nächste Station ist unser Standardrestaurant, dass für uns mittlerweile sogar Gerichte kocht, die gar nicht auf der Karte stehen: Wir dürfen wahllos Gemüse aufzählen, dass wir gerne kombiniert hätten. Dazu gibt es Nudeln oder Reis. Seit ein paar Tagen lassen die Köche dort für unser Essen außerdem, den sonst in der chinesischen Küche üblichen, Geschmacksverstärker weg. In der Mittagspause danach wird Chinesisch gelernt. Weil ich mein Lernpensum drastisch erhöht habe, jetzt täglich zwei/zweieinhalb manchmal sogar drei Stunden, lerne ich meist sogar noch nach den Nachmittagsstunden, die sind zwischen 15:00 und 16:30 Uhr, weiter. Gegen 17:30 Uhr findet man uns für die nächsten zwei Stunden nahezu täglich entweder dick eingepackt auf dem Sportplatz der Schule zum Basketball spielen oder im Fitnessstudio. An die zwischen 0° C und – 25° C schwankenden Temperaturen haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Bei Einbruch der Dunkelheit, ca. 19:00 Uhr, laufen wir zurück nach Hause zum Duschen. Gegen 20:00 Uhr fangen wir zu kochen an. Bis wir gegessen und fertig abgespült haben, ist es meistens zehn/halb elf. Bleiben noch knappe zwei Stunden für den Kontakt in die Heimat, bevor es ins Bett geht. Einmal in der Woche besuche ich zusätzlich für einen Abend die Musikklasse und bringe den Schülern dort englische Lieder bei. Die Wochenenden sind immer gut gefüllt mit Billard oder Karaoke-Abenden (KTV), sportlichen Aktivitäten mit unseren Schülern und Einladungen zum Essen. Unregelmäßig besuchen wir auch den Sonntagsgottesdienst.

Alltag, unser bester Freund, Besuch von der Polizei

Mitte Oktober lernten wir ZhaoJinRong kennen. Er besucht die Abschlussklasse und gehört außerdem noch zu den dreißig Sportleistungsschülern unserer Schule. Auch der Grund, weshalb wir ihn kennen lernten, denn in unregelmäßigen Abständen nahmen Arian und ich im Oktober früh morgens von 6:30 Uhr bis 8:00 Uhr, an der Sportklasse teil. ZhaoJinRong führte uns anfangs durch das Trainingsprogramm. Später gingen wir auch das erste Stück unseres Schulwegs gemeinsam. Die Freundschaft aber begann mit seinem Geburtstag. Als er uns einen Tag vorher erzählte, dass er morgen achtzehn werde und noch nichts vorhabe, beschlossen Arian und ich, ihn zu uns einzuladen. ZhaoJinRong freute sich riesig und so kochten wir ihm ein Geburtstags-Mittagessen. Der Reis, den es zum gebratenen Gemüse hätte geben sollen, wurde zwar ein Brei. Ich hatte ihn mit zu viel Wasser und zu lange im Reiskocher köcheln lassen. Mit Zucker und kleingeschnittenen Früchten ließ er sich aber in einen leckeren Milchreis ohne Milch verwandeln, den ZhaoJinRong dann zum Nachtisch geradezu verschlang. Bald darauf lud er Arian und mich zu sich nach Hause ein. Dort bekamen wir den Pachelbelkanon in D präsentiert. ZhaoJinRong ist nicht nur sportlich, sondern auch musikalisch und spielt selbst Geige. Anfang November stand das Schulkonzert vor der Tür. Für unseren Auftritt brauchten wir einen Anzug, den wir natürlich nicht hatten. ZhaoJinRong steuerte dazu noch am Tag des Konzerts zwei weiße Hemden bei. Ohne ihn hätte das Konzert womöglich sogar ohne uns stattgefunden. Wir sind ihm bis heute dankbar dafür. Noch enger wurde unsere Freundschaft, als ich mit ihm zusammen zum Schwimmen in die Nachbarstadt Jiayuguan fuhr. Da er, wie die meisten Chinesen, gar nicht schwimmen konnte, brachte ich es ihm bei. Für ZhaoJinRong und mich gleichermaßen ein starkes Erlebnis. Mittlerweile treffen wir uns zwei, drei mal die Woche. Das Wochenende vor Weihnachten nahm er uns mit zu einem Basketballspiel unseres Schulteams gegen die Mannschaft der Universität in Jiuquan. Arian und ich durften sogar jeweils eine halbe Stunde mitspielen und machten beide auch einen Korb. Dass er mit uns zusammen Weihnachten feiern durfte, freute mich besonders. Seine Klassenlehrerin hatte ihn dafür extra vom Unterricht befreit.

unser bester Freund, Besuch von der Polizei, Ober sticht Unter

Eine Woche voller Überraschungen:

Am 24. November besuchte uns Ruhong, die Leiterin des Freiwilligen Programms von Amity, um sowohl mit uns, als auch mit der Schule über unseren bisherigen Einsatz zu sprechen. In den Tagen davor passierte viel seltsames:

20. November, 18:30 Uhr: Arian und ich sind mitten in einem hitzigen Basketballspiel. Gerade einen Korb geworfen, klingelt mein Handy. In Deutschland hätte ich es ohne weiteres ignoriert, doch nicht in China. Dort lohnt es sich möglichst jeden Anruf entgegen zu nehmen. So auch dieses mal, denn es ist Mr.Wang, unser Vorgesetzter: „Morgen früh möchte eine Delegation des Büros für ausländische Angelegenheiten in Jiuquan zusammen mit Polizisten eure Wohnung besichtigen. Schaut, dass alles sauber und ordentlich ist und seit morgen zwischen 9:00 und 11:00 Uhr in eurer Wohnung.“ – „Alles klar, werden wir machen. Warum genau kommen die nochmal vorbei?“ – „Die wollen sich nur mal alles anschauen. Dann bis morgen früh.“ Arian und ich machen uns sofort auf den Weg nach Hause, um nach dem Duschen und Abendessen genug Zeit für den Wohnungsputz zu haben. Ich frage mich, was wirklich auf uns zukommt. Geht es um eine einfache Wohnungsbesichtigung oder doch eher um eine Durchsuchung?

21. November, 9:30 Uhr: Es klopft an unserer Tür, doch eintreten wollen weder Polizisten, noch irgendwelche wichtig wirkenden Herren, sondern der Hausmeister unserer Schule zusammen mit einer Putzfrau. Beide tragen Gummistiefel und Handschuhe: „Wir sollen eure Wohnung putzen.“, sagen sie, suchen nach Besen, Wischer und Staubtuch und fangen auch gleich an, unsere an sich schon saubere Wohnung nochmal zu putzen. Arian und ich schauen ihnen dabei verwundert zu. Als die Putzfrau gerade dabei ist, das Wohnzimmer zu kehren, deutet sie auf unseren Schuhhaufen um unseren Kleiderständer herum und dann auf das Bad. Der Hausmeister, gerade beim Wischen des nicht vorhandenen Staubs, bekräftigt sogleich: „Ja die Schuhe müsst ihr ins Bad hinter die Tür räumen. Das macht keinen guten Eindruck, wenn die hier rumstehen.“ Wir tun wie uns geheißen wurde, denn Widerstand wäre ohnehin zwecklos. Bis auf den Reiseführer, der auf unserem Wohnzimmertisch liegt, muss auch sonst alles in Schubläden und hinter Schranktüren verschwinden. Eine halbe Stunde später gleicht unsere Wohnung einem Ikea-Ausstellungsraum. Die Putzfrau und der Hausmeister verabschieden sich zufrieden. Kurze Zeit später klopft es wieder. Ein Lehrer tritt ein, schreitet einmal prüfend durch die Wohnung, ruft jemanden an, wohl um zu bestätigen, dass die Wohnung sauber sei und geht wieder. Keine fünf Minuten später ruft Mr. Wang an, dass sie jetzt gleich vor unserer Tür wären. Mittlerweile sind Arian und ich richtig gespannt, für wen hier ein solcher Aufwand betrieben wird. Vom Fenster aus können wir zwei Autos vorfahren sehen. Insgesamt steigen neun Leute aus, darunter zwei Polizisten in Uniform und eine Frau. Kurze Zeit später öffnen wir ihnen die Tür und begrüßen sie, zu ihrer Überraschung, auf Chinesisch. Dann schreiten die Herren für fünf Minuten aufzählend, was sie alles finden können, durch unsere Wohnung: „Das sind also die Schlafzimmer. Hier das Wohnzimmer, sogar mit Fernseher. Da drüben scheint die Küche zu sein? Mhm… mit Kochplatte, Mikrowelle und Kühlschrank. Eine Abzugshaube gibt es auch. Und hier also das Bad mit Toilette, Waschmaschine, Boiler und Waschbecken. Sehr interessant.“ Zum Schluss werden wir noch gefragt, ob uns irgendetwas fehle. Wir verneinen das und schon geleitet Mr. Wang die ganze Gesellschaft wieder hinaus und lässt uns noch viel verwunderter zurück.

Besuch von der Polizei, Ober sticht Unter, unter Beobachtung

22. November 15:30: Zusammen mit Mr. Chai, dem Biolehrer, und Mr. Wang sitzen Arian und ich im Büro des Konrektors unserer Schule. Was wir dort sollen, wissen wir nicht. Zwei Stunden vorher hat man uns gesagt, dass wir heute Nachmittag ein Gespräch mit der Schulleitung haben. Der Konrektor begrüßt uns und heißt uns nochmals in Jiuquan willkommen, ignorierend, dass wir schon seit drei Monaten unterrichten. Dann erklärt uns Mr. Wang, es sei Zeit für eine Zwischenbilanz. Er lobt uns sehr für unseren Unterricht sowie unsere Integration ins Schulleben und fügt hinzu, dass die Schule uns noch einige Dinge für unsere weitere Zeit mitgeben wolle. In den nächsten 5 Minuten erklärt uns der Konrektor, dass wir uns im Winter warm genug anziehen sollen, bei Frost aufpassen sollen, dass wir nicht ausrutschen, spät abends nicht alleine unterwegs sein sollen und unsere Wohnung und unseren Office-Schreibtisch, den wir nie benutzen, sauber halten sollen. Im Scherz sage ich zu Arian, dass wir bestimmt gleich noch gesagt bekommen, dass wir unsere Zähne putzen müssen, da spricht Mr. Wang die Officehours an, welche wir nach wie vor nicht wahrnehmen. Ich will eine Diskussion beginnen, wie sinnvoll bzw. eben nicht sinnvoll es ist, unzählige Stunden im Office zu vergammeln, da bremst mich Arian zurecht aus und fragt stattdessen, ob es in Ordnung ist, wenn wir mit Amity klären, wie lange wir im Office sein müssen. Der Konrektor willigt erstaunlicherweise ein. Wiedermal habe ich vergessen, dass wir Freiwillige keine Verhandlungsposition haben. In einer hierarchisch geprägten Kultur, wie die Chinesische, gilt das Prinzip Ober sticht Unter. Soll heißen, Entscheidungen fallen nie zugunsten der schlüssigsten Argumentation aus, sondern immer zugunsten des höchsten Ober. Welche Verpflichtungen wir haben und welche nicht, gibt Amity vor. Es läge also an Amity, hier der höchste Ober, uns, den untersten Unter, von den Officehours zu befreien. Natürlich ist es mehr als unrealistisch, das Amity für uns beide die Einsatzrichtlinien ändert. Arian´s Vorschlag war lediglich der erfolgreiche Versuch das Thema möglichst schnell zu beenden. Für uns hoffen wir, dass sich, wie die letzten drei Monate, auch in Zukunft keiner beschweren wird. Der Konrektor bittet uns daraufhin, das wöchentliche Treffen der Englischfachschaft wahrzunehmen. Dort werden Lerninhalte und Methoden besprochen, allerdings auf Chinesisch. Etwas irritiert wende ich ein: „Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht, weil wir zu dieser Zeit die Diskussionsrunde mit den Senior 2 Schülern haben.“ Die kurze Antwort darauf: „Achso, ja dann geht das wohl eher nicht.“ Die Pausenmusik beginnt und eine Minute später nehmen, wieso auch immer, vier weitere Englischlehrer im Zimmer platz. Wir werden gefragt, ob es von unserer Seite etwas gebe. Ich hake bei den Diskussionsrunden ein. Wegen mangelnder Beteiligung seitens der Schüler, wollten wir diese eigentlich schon seit Anfang November mit einem Theaterworkshop ersetzen. Bis jetzt scheiterte dieses Vorhaben aber an einer Genehmigung seitens der Schulleitung. Vielleicht ist das die Gelegenheit, diese doch noch zu bekommen? Wir schildern nochmal ausführlichst unsere Idee. Die anwesenden Lehrer, obwohl alle der englischen Sprache mächtig, beginnen heftig auf Chinesisch zu diskutieren. Wir haben keine Chance auch nur irgendetwas zu verstehen. Viel zu schnell für unsere Ohren reihen sich Silben und Laute aneinander und bilden ein einziges Zischlaute-Chaos. Mit dem Verstummen der Pausenmusik, verlassen plötzlich alle bis auf die Leiterin der Englischfachschaft, die wir nicht weiter kennen, und den Konrektor das Büro. Wir können Mr. Wang nicht mal mehr nach dem Ausgang der Diskussion fragen, so schnell verschwindet er durch die Tür. „Gibt es sonst noch etwas?“, fragt uns die Leiterin gekonnt übergehend, dass sie uns noch eine Antwort bezüglich des Theaterworkshops schuldig ist. Wir beschließen diesbezüglich lieber in den nächsten Tagen bei Mr. Wang nachzufragen. Mit einer zweiten Sache scheitern wir noch grandioser als mit der Frage nach dem Theater. Bis vor einer Woche hatte Arian ein eigenes Klassenzimmer. Nachdem aber angeblich Stühle und Tische aus diesem entwendet wurden, tauschte der Hausmeister von einen Tag auf den nächsten das Schloss aus, sodass Arian keinen Zugang mehr zu seinem Klassenraum hat. Wir wollen nach einem neuen Schlüssel fragen. Dabei stellen wir leider fest, dass weder der Konrektor noch die Leiterin wissen, dass wir zur gleichen Zeit in zwei Räumen jeweils eine Klassenhälfte unterrichten. Als wir eben das und oben beschriebenes Problem erklären wollen, kann uns die Leiterin aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht folgen. Frustriert geben wir auf, sagen, dass alles in Ordnung ist und verabschieden uns. Deprimiert darüber, wie wenig Interesse für unsere Arbeit und unsere Anliegen da ist, gehen wir nach Hause. Wir gehen mit unserer Einschätzung sogar soweit, dass die Frage, ob es von unserer Seite etwas gebe, nicht mal ernst gemeint war, sondern rein aus Höflichkeit gestellt wurde. Ohne den anstehenden Amity-Besuch hätte wohl auch das Gespräch gar nicht erst stattgefunden.

(Nachtrag: Im Nachhinein lagen wir glücklicherweise doch nicht ganz richtig: Eine Woche vor Weihnachten, also einen Monat später, fragte uns Mr. Wang, was denn jetzt mit dem Theater sei. Völlig überrascht fragten wir, ob wir dieses jetzt doch einführen dürfen. Die Antwort: „Ja ja, eure Idee wurde begeistert aufgenommen bei dem Gespräch mit dem Konrektor. Hatte euch das denn keiner gesagt?“ Wir werden uns Ende Februar nach den Ferien an diesem Projekt versuchen.)

Ober sticht Unter, unter Beobachtung, Aufklärung

23. November, 11:15 Uhr: Die Musik zum Stundenwechsel ist schon fast zu Ende und mir fehlen noch drei Stockwerke. Eine knappe Minute zu spät haste ich durch die Klassenzimmertür, zieh meine Jacke aus und begrüße die Klasse. Gerade bedeute ich den Schülern, sich wieder zu setzen, da sehe ich in der hintersten Reihe drei Englischlehrerinnen sitzen: „F***! Erst zu spät und dann auch noch meine Beobachter bei der Begrüßung übersehen.“ Ich entschuldige mich für die Verspätung, lächle den drei Lehrerinnen zu und führe ungekannt nervös ins Stundenthema ein. Diesmal „Leben“. Die Stunde ist drei geteilt. Im ersten sammele ich an der Tafel Dinge, die im Leben wichtig sind, bitte alle Schüler nach vorne zukommen und den für sie wichtigsten Begriff zu markieren, nehme die drei meist markierten Begriffe, teile die Klasse den Begriffen nach in drei Gruppen ein und bitte sie in drei Sätzen eine Begründung zu finden, warum der ihnen zugeteilte Begriff zu den wichtigsten gehört. Die drei Beobachterinnen schreiben von der ersten Minute an ununterbrochen seitenweise mit. Im zweiten Teil frage ich die Schüler, welches Alter am besten ist (5, 11, 15, 17, 22, 30, 50 oder 70?), gebe ihnen zwei Minuten eine Begründung zu finden und werfe danach einem Schüler einen Ball zu. Dieser beantwortet erst meine Frage, wirft dann den Ball einem Klassenkameraden zu und stellt selbst die Frage nach dem besten Alter. Ein Ball fliegt direkt auf das Pult der einen Lehrerinnen. Sie blickt irritiert auf. Nach mir ewig vorkommenden Sekunden der Unsicherheit und des Zögerns, wage ich es doch, die Lehrerin nach ihrem Lieblingsalter zu fragen. Zu meiner Überraschung antwortet sie prompt und mit einem Lächeln. Das macht sie gleich viel sympathischer. Zum Schluss sollen die Schüler auf einem kleinen Zettel, den ich danach einsammele, den Satz vervollständigen: „Das Leben ist wie…“. Auch hier binde ich die Lehrerinnen mit ein. Die ganze Stunde über innerlich höchst angespannt, ist die Musik zum Stundenende wahrhaft befreiend. Ich frage mich, wie die Stunde bei den Lehrerinnen wohl ankommen sein mag. Sie praktizieren schließlich selbst ausnahmslos den Frontalunterricht.

unter Beobachtung, Aufklärung, der kleine grüne Kaktus

24. November, 9:00 Uhr: Bei einem heißen Tee sitzen Arian und ich zusammen mit RuHong in unserem Wohnzimmer. In den nächsten zwei Stunden unterhält sie sich erst mit Arian und dann mit mir. Die Atmosphäre ist angenehm. Mein Gespräch ist mehr ein vertrautes Tratschen, als ein prüfender Dialog, der sich auf Frage und Antwort beschränkt. Um 11:00 Uhr wird Ruhong von Mr. Wang abgeholt. Bis um 12:00 Uhr spricht sie mit der Schule über uns und unsere Arbeit. Im Anschluss gibt es ein großes Bankett mit vorzüglichem Essen in einem Hotel. Zu unserer Überraschung treffen wir dort nicht nur auf die Schulleitung und die Englischfachschaft, sondern auch auf einige der Herren, die vor ein paar Tagen unsere Wohnung besichtigt haben. Damit erschließt sich auch dieses letzte Rätsel. Wir erfahren, dass diese Leute teils im Schulministerium, teils im Büro für ausländische Angelegenheiten arbeiten und unsere Lehrtätigkeit mit-genehmigt haben. Sie hatten ebenfalls ein kurzes Gespräch mit Ruhong. Während dem Essen werden Arian und ich von allen Seiten sehr gelobt. Von Mr. Wang sicherlich ernst gemeint, ging es anderen wohl eher darum, RuHong zu schmeicheln. Sie entscheidet, ob unsere Schule nächstes Jahr wieder Freiwillige bekommt oder nicht. Am Nachmittag erhalten wir von ihr ein kurzes Feedback über ihr Gespräch mit der Schule. Die Quintessenz: Alle sind mit unserer Arbeit sehr zufrieden. Worüber Arian und ich uns am Ende ganz besonders freuen: Die Sache mit den Officehours kam überhaupt nicht zur Sprache. So wichtig scheinen diese der Schule dann doch nicht zu sein.

Aufklärung, der kleine grüne Kaktus, Zivilcourage?!

Am 4. November gab es im chinesischen Jiuquan eine Weltpremiere zu sehen. Die bis dahin noch unbekannten Gesangsamateure Arian Schürl und Philipp Markus gaben ihren ersten Liveauftritt im Duett. 800 Zuhörer waren gekommen, um diesem wahrhaft grandiosen Event beizuwohnen. War die erste Hälfte des Konzerts eher einschläfernd, fieberte alles auf den Höhepunkt des Abends hin. Als die beiden, extra aus Deutschland eingeflogenen, Sänger mit ihren chinesischen Künstlernamen AliAn und FeiLiPu dem Publikum vorgestellt wurden, war die Spannung im Saal kaum mehr zu ertragen. Sekunden knisternder Stille. Dann brausender Applaus, während die zwei jungen und ausgesprochen attraktiven Herren ins Scheinwerferlicht der Bühne treten. Erwartungsvolle Stille. Plötzlich zählt einer der beiden in überraschend schnellem Tempo ein. Die Zuhörer vom unerwarteten Einstieg überrumpelt, lauschen mit offenen Mündern dem rasanten und dennoch melodisch fehlerlosen Gesang. Sprachlosigkeit. War die erste Strophe zweistimmig und Akapella gesungen, steigt zum Refrain die Klavierbegleitung ein. Das Publikum, von dem Kunstgriff mitgerissen, applaudiert erneut. Das Duett steigert sich in ihrer Leistung von Strophe zu Strophe, bis es mit einem letzten im Ritardando gesungenen „Hollarooooo“ den kleinen grünen Kaktus ausklingen lässt. Noch während der Schlussakkord nachklang, sprangen die Zuhörer begeistert von ihren Sitzen auf. Als sich die beiden Künstler nach einer absolut synchronen Verbeugung auf chinesisch bedankten, stimmten auch die letzten Skeptiker in den Jubel der Menge mit ein. Es dauerte bis der Moderator das nächste Stück ankündigen konnte… Ganz so hatte sich unsere Gesangseinlage beim Schulkonzert natürlich nicht abgespielt. Attraktiv waren wir in unseren, uns nicht wirklich passenden, weil geliehenen, Anzügen wohl kaum. Die anfängliche Zweistimmigkeit unseres Beitrages war nicht gewollt, sondern resultierte aus unterschiedlichen Vorstellungen über die Tonlage des Stückes. Genauso war das verspätete Einsetzen der Klavierbegleitung kein geplanter Kunstgriff, sondern das Ergebnis mangelnder Absprache. Auch blieben die Leute auf ihren Plätzen sitzen. Trotzdem bildeten wir ein Highlight an diesem Abend, denn die meisten Zuschauer hatten bis dahin noch nie ein fremdsprachiges Lied live gehört.

der kleine grüne Kaktus, Zivilcourage?!, Auf 4300 Metern Höhe

Eines Mittags, Arian und ich waren gerade auf dem Weg zum Supermarkt, viel uns ein junger Mann auf. Er war schlank, mitte zwanzig, hatte aufgestylte Haare und trug passend dazu Hemd, Sakko und Gino. Aufgefallen war er uns, weil er die Kontrolle über sich selbst verloren hatte: Er torkelte den Straßenrand entlang, stürzte alle vier, fünf Schritte, schaffte es irgendwie, sich wieder aufzurichten, um dann sogleich wieder rücklings umzufallen. Mag sein, dass der junge Mann sturzbetrunken oder sogar auf Drogen war. Die Ursache aber war für Arian und mich nebensächlich. Vielmehr fragten wir uns, warum sich niemand für den Kerl interessierte. Die meisten Passanten ignorierten den Mann. Wenige blieben kurz stehen, wunderten sich über den Zustand des Mannes und zogen dann weiter. Die Autofahrer hupten allesamt kräftig, damit er ihnen bloß nicht vor ihre Motorhaube laufe, dachten aber nicht daran anzuhalten. Die Rollerfahrer fuhren in halsbrecherischen Ausweichmanövern um den schwankenden Mann herum. Dass er Hilfe brauchte, war für Arian und mich spätestens dann klar, als er auf dem Bauch liegend mitten auf der Straße erbrach und sich danach so ungeschickt aufrichtete, dass er sich dabei durch sein Erbrochenes wälzte. Mittlerweile beobachteten wir das ganze Szenario seit einer viertel Stunde, ohne dass sich etwas änderte. Somit ergriffen wir die Initiative, rannten in den nächsten Laden, nahmen einen Angestellten mit raus, zeigten ihm den Mann, drückten ihm sogar unser Telefon in die Hand und machten ihm deutlich, dass er doch Hilfe hohlen solle. Allein der Angestellte lief zurück in sein Geschäft. Verzweifelt riefen wir Mr. Wang an. Wir fragten, ob man nicht einen Krankenwagen rufen könne. Er antwortete ohne Umschweife und ungewöhnlich direkt für einen Chinesen, dass das unmöglich sei: „Alles, nur keinen Krankenwagen.“ – „Dann also wenigstens die Polizei?“ Auch darauf wollte er sich erst nicht einlassen. Wir redeten aber so eindringlich auf ihn ein und hätten uns mit einem weiteren Nein auch nicht abgefunden, dass er schließlich einwilligen musste: „Okay, ich hohl die Polizei!“ Während unserer Diskussion mit Mr. Wang hatten sich tatsächlich zwei junge Frauen des Mannes erbarmt und ihn wenigstens von der Straße gezerrt. Er lag jetzt im Blumenbeet neben der Straße. Mr. Wang meinte, dass wir nicht auf die Polizei zu warten brauchten, da sie gleich da sei. Trotzdem ließen Arian und ich den Mann nicht aus den Augen, bis die Hilfe auch wirklich da war. Nach weiteren langen zehn Minuten kam tatsächlich ein Polizeibus. Drei Polizisten stiegen aus. Als der junge Mann realisierte, dass ihn Polizisten mitnehmen wollten, hievte er sich an einem Baum hoch und begann stolpernd, fallend wegzulaufen. Irgendwie schaffte er es in die nächste Straße einzubiegen, die Polizisten folgten ihm. Für Arian und mich blieb nichts mehr zu tun. Also setzten wir unseren Weg zum Supermarkt fort. Bis heute verstehe ich nicht, wie so viele Menschen tatenlos und schaulustig daneben stehen konnten. Vielleicht liegt es an einem fehlenden Gesundheitssystem. Für medizinische Eingriffe muss man in China selbst aufkommen. Ich will aber keinesfalls nur die chinesische Gesellschaft an den Pranger stellen, denn ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte in Deutschland anders abgelaufen wäre. Zuletzt bleibt fraglich, inwiefern wir dem Mann wirklich damit geholfen haben, ihn der chinesischen Polizei auszuliefern. Für uns wäre es aber keine Option gewesen, den Mann in diesem Zustand sich selbst zu überlassen und eine andere Möglichkeit, in die Situation einzugreifen, ohne uns selbst zu gefährden, sahen wir nicht.

Zivilcourage?!, Auf 4300 Metern Höhe, Fliegende Fische

Obwohl ein Samstag, waren Arian und ich schon um 5:00 Uhr morgens auf den Beinen. Unser heutiges Ziel: Der 4300 Meter hohe Juligletscher. So liefen wir mit Rucksäcken bepackt und trockenen Broten vom Vortag (unser Frühstück) in der Hand durch das noch dunkle und tote Jiuquan. Ein Müllmann fegte einsam den Gehweg vor unserem Wohnhaus, sonst war keine Menschenseele unterwegs. Eine halbe Stunde Taxifahrt später erreichten wir den Bahnhof der Nachbarstadt Jiayuguan. Um 7:00 Uhr, es wurde langsam hell, saßen wir im Zug zur Eisenerzstadt Jingtieshan. Wir lernten eine englisch sprechende Professorin für Geologie aus Beijing kennen. Sie bot an, uns direkt zum Gletscher mitzunehmen. Dankend nahmen wir natürlich an. Mit im Zug saßen sonst nur Minenarbeiter in gelb-gestreiften Arbeitsanzügen. Rauchend und Karten-spielend saßen sie zusammen. Drei Stunden bahnte sich der Zug seinen Weg durch die Quilian-Shan-Gebirgskette; immer entlang eines eisig blauen Gebirgsstroms und in immer höhere Lagen hinauf. 1500 Höhenmeter später erreichten wir Jingtieshan (3500 Meter). Die kleine Erzstadt ist in ein enges Tal geradezu hinein gequetscht. In der Talsohle stehen Industrieanlagen. Von dort winden sich enge Straßen die steilen Felswände hoch zu den Eingängen der Erzstollen, die sich etwas oberhalb des Dorfes befinden. Die darauf fahrenden Kipplader scheinen förmlich am Berg zu kleben. Auf die Geologin ihre Begleiter und uns wartete bereits ein alter klappriger VW-Bus. Er brachte uns auf einer unbefestigten holprigen Straßenpiste durch eine atemberaubende Bergwelt zum Basiscamp. Auf dem Weg dorthin mussten wir mehrere Schafherden durchpflügen. Durchpflügen deshalb, weil der Fahrer mit Dauerhupe und nur leicht verringerter Geschwindigkeit einfach durch die Herden hindurch fuhr, während sich die Tiere rechts und links an unserem Bus vorbei drängten. Erstaunlich, dass dabei kein einziges Tier verletzt wurde. Das Camp selbst war ein kleiner Bungalow mit Küche und Zweibettzimmern. Dank Solarzellen und einem kleinem Windrad gab es sogar Strom. Nach einer kurzen Mittagspause ging es gegen 13:00 Uhr endlich ans Bergsteigen selbst. Die ersten fünf Minuten des Wanderweges bestanden aus unzähligen Treppenstufen. Hatten wir bis jetzt wenig von der Höhe gespürt, schnauften wir, am Treppenende angekommen, wie nach einem Dauerlauf. Nach einer halben Stunde erreichten Arian und ich, die Beijinger Geologin und ihre Begleiter hatten wir längst hinter uns gelassen, die Grasnarbe und etwas später auch die Gletscherzunge. War die schmutzig grauweiße Eismasse hier nur wenige Meter breit, füllte sie in höheren Lagen das ganzes Tal aus. Der schmaler und steiler werdende Weg führte nun immer am Rand des Gletschers entlang, mitten durch dessen Geröllfeld. Umgeben von schroffen Felshängen und im Angesicht dieser mächtigen Eismasse fühlte ich mich plötzlich sehr klein. Wie viel größer als alles Menschliche die Schöpfung doch ist. Der Weg wurde deutlich anstrengender. Ging man zu schnell, begann das Herz beinahe zu rasen. Auf eine kontrollierte Atmung konzentriert erklommen wir im Schneckentempo Höhenmeter um Höhenmeter. In einer Verschnaufpause konnten Arian und ich rechts und links vom Gletschertal unzählige Gämsen entdecken. Bald mischte sich zwischen das Geröll und in den Weg immer mehr Eis und Schnee. Es wäre unverantwortlich gewesen, hier weiter zu gehen. Wir kehrten um. Auf dem Rückweg schoben sich graue Wolken in den bis dahin halbwegs sonnigen Himmel, sodass es spürbar kälter wurde. Schließlich begann es sogar zu schneien. Mein erster Schnee und das schon im Oktober. Am Ende mussten wir uns etwas beeilen, um das Basiscamp noch rechtzeitig zu erreichen. Die Geologin wartete dort schon auf uns, denn um 17:00 Uhr ging der Zug zurück. Dieser war wieder voll mit Minenarbeitern. Ihre müden Gesichter und schmutzig rauen Hände zeugten von einem harten Arbeitsalltag. Viele hatten sich sogar quer über die Sitzbänke gelegt und schliefen. Auch ich war ziemlich erschöpft. Um 19:30 Uhr waren wir wieder zu Hause. Ich ging gleich ins Bett, weil ich mit Kopfschmerzen und Übelkeit kämpfte. Erste Anzeichen der Höhenkrankheit, wie ich später im Lonely-Planet las. Die Höhendifferenz von gut 2300 Metern hatte ich doch ziemlich unterschätzt. Keine Angst; am nächsten Morgen ging es mir wieder bestens.

Auf 4300 Metern Höhe, Fliegende Fische, Spring dich fit

Eines Abends, ebenfalls im Oktober, bestellten Arian und ich in einem Restaurant einen Fisch für 32 Yuan. Kaum die Bestellung aufgenommen, kam die Kellnerin aber wieder an unseren Tisch zurück und nannte uns einen Preis von 81 Yuan. Irritiert prüften wir die Speisekarte und deuteten fragend auf die 32 Yuan hinter dem von uns bestellten Fisch. Die Kellnerin schüttelte den Kopf und beharrte auf ihrem mehr als doppelt so teuren Preis. Heftig auf uns einredend schien sie uns erklären zu wollen warum, aber die wenigen Wörter, die wir heraushören konnten, wollten sich zu keiner logischen Begründung verknüpfen lassen. Unsere einzige Erwiderung: „Ting bu dong“ (Wir verstehen nicht!) veranlasste die Kellnerin nach kurzer Ratlosigkeit dazu, uns in die Küche des Restaurants zu führen. Bei dem Anblick der sich uns dort bot, musste ich erst mal schlucken. In vier/ fünf trostlosen Aquarien drehten Fische ihre Runden. Unter ihnen auch der, den wir bestellt hatten. Mit einem Köcher schob einer der Köche unseren gut 35 cm langen Fisch in eine Plastiktüte und hob ihn darin aus dem Wasser. Als das restliche Wasser aus der Plastiktüte heraus floss, begann sich das Tier in einem verzweifelten Überlebenskampf zu winden und mit dem gesamten Rumpf zu schlagen. Um ihn überhaupt noch halten zu können, wollte der Koch sich den Fisch unter den Arm klemmen. Dabei flutschte er aber mit einem kräftigen Schwanzschlag aus der Tüte heraus, flog quer durch den ganzen Küchenraum und prallte auf der gegenüberliegenden Seite mit ziemlicher Wucht gegen das Aquarium seiner Artgenossen. Von dort klatschte er vermutlich bewusstlos auf den Boden, zumindest blieb er dort regungslos liegen. Ein Koch, der dem Fisch geradezu hinterher gehechtet war, hob ihn sogleich auf, steckte ihn in die Plastiktüte zurück und legte ihn auf eine Waage. Die Kellnerin deutete nun auf die Gewichtsanzeige: Knappe zweieinhalb Kilo. Das Rätsel um den Preis war also gelöst. In der Speisekarte stand der Preis pro Kilogramm: „Hao bu hao?“ (wörtlich gut oder nicht gut, hier aber „Seid ihr mit dem Fisch einverstanden?“), wurden wir von der ungeduldig um uns herum stehenden Küchenbelegschaft gefragt. Unseren auf der Waage liegenden Fisch anstarrend, schüttelten wir trocken den Kopf. Diesen, im so deutlichen Bewusstsein sein Mörder zu sein, zu verspeisen, schien mir gleichermaßen wie Arian unmöglich. Überhaupt war uns der Appetit auf Fisch gänzlich vergangen. Meinen Versuch uns mit den Worten, das der Fisch zu groß sei, aus der Situation zu retten, sollte ich sogleich bereuen. Der Koch begann mit dem Köcher einen Fisch nach dem anderen aus dem Aquarium heraus zu heben und uns zu zeigen, während ersterer immer noch wasserlos auf der Waage lag. Bevor noch ein weiterer seiner Artgenossen neben ihm landen musste, sagte ich schnell, dass sie alle zu groß sind: „Wir essen doch lieber Gemüse.“ Wir ließen die Küchenbelegschaft mit einem großen Fragezeichen im Gesicht zurück und setzten uns wieder an unseren Platz. Der Reis, Tofu und das Bohnengemüse waren ganz vorzüglich. Während für mich dieses Erlebnis folgenlos blieb, entschied sich Arian dagegen nun neben Fleisch auch keinen Fisch mehr zu essen.

Fliegende Fische, Spring dich fit

Anfang Oktober, ich und Arian saßen ausnahmsweise mal im Office, entdeckte ich auf dem Schreibtisch von Mr. Liu, ein Englischlehrer aus unserem Office, ein Springseil. Ich wollte wissen, ob er das denn auch benutze. Es überraschte mich, dass er bejahte, denn Mr. Liu hatte zu diesem Zeitpunkt noch einen vom Alkohol wohlgeformten Bauch. Also fragte ich geradewegs heraus, ob er mir das mal zeigen könnte. „Aber sicher doch!“, antwortete Mr. Liu prompt, positionierte sich in der Mitte des Office´s und begann zur Belustigung aller fünf anwesenden Lehrkräfte in Sakko und Anzughose Seil zu springen. Der Spaß hatte natürlich auch seinen Preis. Nach Mr. Liu durften auch Arian und ich unser Springseiltalent unter Beweis stellen. Für das Kreuzen des Seiles während dem Springen bekamen Arian und ich sogar einen Applaus. Auch die anderen Lehrer ließen sich nicht lange bitten und versuchten sich an verschiedensten Kunststücken. Das ganze entwickelte sich zu einem regelrechten Wettbewerb, bei dem sich die anderen Lehrer für nichts zu schade waren. Arian und ich hatten viel zu lachen. Etwas später fand ich heraus, warum man Mr. Liu neuerdings am Springseil und nicht mehr am Computer fand: Er hat seit kurzem eine Freundin, die er heiraten will und hofft mithilfe der neuen Fitnesseinheiten seine Attraktivität zu steigern. Dass er damit Erfolg haben würde, hätte keiner von uns Lehrern gedacht, aber nach gut zwei Monaten ist sein Bauch tatsächlich sichtbar kleiner geworden und auch sonst sieht er deutlich fitter aus.

Hongkong, Nanjing, Yangzhou | Jiuquan 1 | Beijing | Jiuquan 2

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